P 1999a

1999-Jul-31
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Das neue Regelwerk der deutschen Rechtschreibung lässt zahlreiche Varianten zu, aber:
Eine Wertigkeitsstufung macht’s einfacher

Von Wilfried Kürschner

Die Regelung der Rechtschreibung ist – wie es bisher auch der Fall war – verbindlich für die bereiche, für die der Staat Regelungskompetenz besitzt: die Schule und die Veraltung. Darüber hinaus wird sie – wie bisher auch – Muster sein für alle anderen Schrifterzeugnisse und man wird sich auch in privaten Schreiben an diese Regelung halten.
Die Neuregelung der Orthografie ist in Deutschland – abgesehen vom Land Schleswig-Holstein –, in Österreich, in der Schweiz und anderen deutschsprachigen Gebieten am 1. August 1998 in Kraft getreten. Für die Umsetzung der Neuregelung ist eine Übergangszeit bis zum 31. Juli 2005 vorgesehen. In dieser Zeit gelten alte Schreibungen, die von der neuen Regelung abweichen, nicht als falsch, sondern nur als überholt und werden bei Korrekturen durch die neue Schreibweise ergänzt.
Der neuen Rechtschreibung liegt ein Regelwerk zugrunde. Es ist erschienen unter dem Titel »Deutsche Rechtschreibung: Regeln und Wörterverzeichnis. Text der amtlichen Regelung« (Tübingen: Narr, 1996) und liegt unter dem Titel »Duden, die neue amtliche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis nach der zwischenstaatlichen Absichtserklärung vom 1. Juli 1996« auch als Duden-Taschenbuch vor (Mannheim: Dudenverlag, 1997). Das Regelwerk umfasst die gesamte Rechtschreibung des Deutschen, also sowohl die Teile, die wie bisher geregelt sind, als auch die neu gefassten.
Das Regelwerk besteht aus zwei Teilen: einem Regelteil und einem Wörterverzeichnis. Dieses Verzeichnis enthält etwa 12000 Beispielwörter, deren Schreibung den im Regelteil getroffenen Festsetzungen und Anweisungen entspricht. Bei den allermeisten von ihnen ist keine Änderung eingetreten. Die großen Rechtschreibwörterbücher (Duden, Bertelsmann u. a.) gehen weit über das amtliche Wörterverzeichnis hinaus und sollen die Schreibungen des deutschen Allgemeinwortschatzes enthalten, wie sie sich aufgrund des Regelwerks ergeben. Auch hier bleibt es in den allermeisten Fällen bei der gewohnten alten Schreibung. [...]
Variantenschreibung ... gab es bereits vor der Neuregelung. Im Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks ist festgelegt, ob es sich dabei entweder um gleichberechtigte Varianten oder aber um gewichtete Varianten handelt: Im letzten Fall ist die Vorzugsvariante, die »Hauptform (Hf.)«, die empfohlene, zu bevorzugende Schreibung. Die Nebenform (Nf.) stellt eine weitere mögliche Schreibung dar. Beispiel: Delphin (Hf.) bzw. Delfin (Nf.).
Gleichberechtigte Varianten sind etwa aufwändig bzw. aufwendig. Zusätzlich gibt es im Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks Fälle, in denen von einer Schreibvariante durch den Vermerk »auch« auf eine weitere mögliche Schreibung verwiesen wird [...], z. B. Seeelefant, auch See-Elefant.
[...]
So angenehm für den Schreiber die gegenüber der alten Regelung in vielen Fällen gewonnene Wahlfreiheit sein mag, so misslich ist es, wenn es auf die Einheitlichkeit der Schreibung ankommt, z. B. in der Schule, in der Verwaltung, in den Medien, vor allem in der Presse. Mit dem Ziel, eine solche Einheitlichkeit zu gewährleisten, ist ein »Duden-Praxiswörterbuch zur neuen Rechtschreibung« (Mannheim: Dudenverlag, 1998) erstellt worden. Dort wird sowohl für gleichberechtigte Varianten als auch für gewichtete Varianten – jedenfalls für die Mehrzahl der Fälle – jeweils eine Form empfohlen. Gelegentlich werden aber auch zwei Formen genannt. [...] Dabei wird deutlich, dass die vom Duden-Praxiswörterbuch ausgewählte Form nicht in allen Fällen der Hauptform der amtlichen Regelung entspricht. Darüber hinaus fehlen auch zahlreiche Einträge ganz.
So verhält es sich auch bei der von den deutschen Nachrichtenagenturen herausgegebenen Wörterliste »Die Rechtschreibreform in Beispielen« [...] Diese Wörterliste liegt in zwei unterschiedlichen Fassungen vor: die erste ist im Februar 1999 erschienen. Sie war im Internet in der Website (»Netzplatz«) der Deutschen Presseagentur abzurufen. [...] Parallel zum Erscheinen dieser gedruckten Liste wurde eine zweite, veränderte Fassung erstellt (Internet: http://www.dpa.de/home1.html. [»dpa informiert«, »Rechtschreibreform«]).
[...]
Alle diese Listen sowie das »Duden-Praxiswörterbuch« differieren untereinander und folgen nicht grundsätzlich den Vorgaben des amtlichen Wörterverzeichnisses. Schlimmer noch widersprechen die Festlegungen in den Listen zu einem Teil den amtlichen Vorgaben, denen die Rechtschreibung vor allem in den Schulen zu folgen hat.
[...]
– Absicht (dieses Buches*, d. Red.) ist, die Kluft zwischen öffentlicher und schulischer Rechtschreibung nicht noch tiefer werden zu lassen, als sie ohnehin schon ist.
Gleichzeitig wird durch die in diesem Buch* vorgenommene strikte Festlegung auf eine Form der Versuch unternommen, für die schulische und die öffentliche Schreibweise eine Vereinheitlichung herbeizuführen. Aus diesem Grunde wird ein einfach zu handhabendes Mittel vorgeschlagen: eine Wertigkeitsstufung (»Präferenzhierarchie«) der folgenden Art:
Zusammenschreibung >
Getrenntschreibung >
Bindestrichschreibung >
Großschreibung >
Kleinschreibung >
Deutschschreibung >
Stammschreibung >
Fremschreibung

Die durchsetzungsmächtigere Schreibung steht in der Hierarchie höher. Zusätzlich zur vorgenommenen Anordnung wird dies durch das Größer-als-Zeichen kenntlich gemacht. An einigen Beispielen demonstriert: Unter den Verbindungen in präpositionaler Verwendung [...] handelt es sich beispielsweise bei auf Grund, mit Hilfe und aufgrund, mithilfe um gleichberechtigte Varianten. Gemäß unserer Wertigkeitsabstufung »Zusammenschreibung > (geht vor) Getrenntschreibung« wird aufgrund bzw. mithilfe empfohlen. [...]
Ein anderer Fall: Bei Fremdwörtern aus dem Englischen, die auf eine Partikel ausgehen, ist sowohl Zusammenschreibung wie Bindestrichschreibung zulässig [...]. Gemäß unserer Wertigkeitsstufung »Zusammenschreibung > Bindestrichschreibung« werden Handout und Playback gegenüber Hand-out und Play-back empfohlen, aber auch Goin, Makeup und Sitin gegenüber Co-in, Make-up und Sit-in.
Großschreibung geht vor Kleinschreibung beispielsweise bei Verbindungen mit auf das/aufs: Aufs Äußerste/Beste usw. und nicht auf das äußerste/beste usw. [...] Schreibung gemäß den Üblichkeiten oder Besonderheiten des Deutschen – oben etwas grob »Deutschschreibung« genannt – geht vor Stammschreibung: minuziös (mit dem »deutschen« z) erhält den Vorzug vor minutiös, obwohl eine Verbindung zum Wort Minute (mit t) im Sinne von »Kleinigkeit, Kleinlichkeit« hergestellt werden könnte. Die Abstufung »Deutschschreibung > Fremdschreibung« gilt für alle Fremdwörter, für die Variantenschreibung vorgesehen ist. Dies gilt sowohl für die Laut-Buchstaben-Zuordnungen bei Fremdwörtern [...] – Majonäse vor Mayonnaise, Schikoree vor Chicorée, Portmonee vor Portemonnaie –, es gilt auch für den Bereich Worttrennung am Zeilenende: nob-le (wie hob-le) statt no-ble, Hek-tar (wie hek-tisch) statt Hekt-ar. [...]
Bei einheimischen Wörtern wird die »deutsche« Schreibung mit Umlautbuchstaben bevorzugt: Schänke statt der gleichberechtigten Variante Schenke.
[...]
Beispielwörter, -fügungen und -sätze sowie Regelformulierungen sind (in dem unten angekündigten Buch, d. Red.) in vielen Fällen dem amtlichen Regelwerk entnommen, ohne dass dies im Einzelnen kenntlich gemacht wird. Fälle, in denen vom Regelwerk und den weiteren benutzten Werken abgewichen wird, weil sie fehlerhaft sind, werden vermerkt. Die Angaben zum amtlichen Regelwerk beziehen sich auf die Fassung, die im August 1996 im Gunter Narr Verlag Tübingen erschienen ist. Die Angaben zum Rechtschreibduden (21. Auflage, 1996) beziehen sich auf die erste, im August 1996 erschienene Fassung. [...]
Zur Feststellung der Altschreibungen wird die 20. Auflage des Rechtschreibdudens aus dem Jahre 1991 herangezogen. [...]
Darüber hinaus wurde Einblick genommen in die Bertelsmann-Rechtschreibung, die unter dem Titel »Die neue deutsche Rechtschreibung« erstmals im Juli 1996 erschienen ist. [...]
– *Der vorliegende Aufsatz ist das unwesentlich gekürzte und teilweise ergänzte Einleitungskapitel aus: Wilfried Kürschner, Orthografie 2000: Systematische Darstellung der Neuregelung. Mit einem Vereinheitlichungswörterbuch.
Das Buch wird in Kürze im Günter Narr Verlag, Tübingen, erscheinen.