Beiträge zur öffentlichen Debatte
1990–1999


Leserbrief in “texten + schreiben”, Heft 3/1990
Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung” [Vechta], 1991-Sep-02
Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1992-Okt-22
Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1995-Dez-07
Leserbrief in der “Welt”, 1995-Dez-12
Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1997-Aug-30
Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1998-Jul-20
Leserbrief in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, 1998-Aug-12
Bericht in der “Münsterländischen Tageszeitung” [Cloppenburg], 1998-Okt-22
Artikel in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1999-Jul-31


Leserbrief in “texten + schreiben”, Heft 3/1990

Von „EuroCity“ bis „nachtMusik“

Herbert Werlers Beitrag „Mit dem Euro City in die SeineMetropole“ in Heft 5/89 bewegt die Gemüter. Von allen Seiten werden uns neue Funde dieser Art gemeldet. Stellvertretend für viele hier einige Zeilen, die wir von Universitätsprofessor Dr. Wilfried Kürschner aus Vechta erhielten:

Was BundesBahn, MercedesBenz und IgloFeinKost können, kann der Dudenverlag schon lange und, wie mir scheint, noch besser: Auf dem Umschlag und auf dem Rückentitel des großen Einbänders stehen untereinander in hohen Buchstaben die Wörter

Deutsches
Universal
Wörterbuch

Ein entsprechender Eintrag ,Universalwörterbuch / Universal-Wörterbuch / Universal Wörterbuch’ in beiden Auflagen (1983 und 1989), aber wenigstens auf dem Titelblatt hält sich die Dudenredaktion an ihre Regel R 33 im Mannheimer Rechtschreibduden (19. Auflage 1986): ,Zusammengesetzte Wörter werden grundsätzlich (wir ergänzen: wenn sie nicht aus mehr als drei Gliedern bestehen und unübersichtlich sind) ohne Bindestrich geschrieben.’“



Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung” [Vechta], 1991-Sep-02

Keine Unterschlagung passiert

Das Erscheinen des neuen Rechtschreibdudens weckt in vielerlei Hinsicht Interesse (am wenigsten übrigens in puncto Rechtschreibung – da hat sich nichts geändert). Es wird dementsprechend von den Medien kommentierend begleitet. So auch dankenswerterweise von der OV, die zuletzt in einem Artikel über den „Verzicht auf religionsfeindliche DDR-Wörter“ berichtet (27.08.91). Dazu zwei Anmerkungen.

In dem Artikel werden unter anderen die Wörter „Frühjahrsschokoladenhohlkörper“ und „Jahresendflügelpuppe“ angesprochen. Diese Wörter werden immer wieder einmal als typisch für das DDR-Deutsch herangezogen. Sie waren aber keine im Munde des Volkes real existierenden Wörter, sondern allenfalls in der Verwaltungssprache gebräuchlich. Daß diese ihre besonderen Blüten treibt, ist auch uns im Westen wohl vertraut – ein Beispiel ist das „Postwertzeichen“, das nur unter dem Namen „Briefmarke“ bekannt ist. Daher fehlten solche Wörter zu Recht schon in den nach Ost und West getrennten Rechtschreibduden. Im neuen Einheitsduden sind die mit ihnen gemeinten Dinge unter ihren gebräuchlichen Namen verzeichnet (der Hohlkörper allerdings nicht in der OV-Schreibweise „Schokolade-nosterhase“ – den „Nosterhasen“ kennt der Duden nicht).

Was „v. u. Z.” und „n. u. Z.“ angeht, ist dem Dudenverlag bei der Übernahme DDR-spezifischen Wortgutes keine „Unterschlagung“ passiert – da irrt selbst der Pressesprecher des Verlages. Zwar steht „v. u. Z.“ (= „vor unserer Zeitrechnung“) in Parallele zu „v. Chr.“ („vor Christus, vor Christi Geburt“), doch ist die Entsprechung zu „n. Chr.“ („nach Christus, nach Christi Geburt“) nicht das angeblich unterschlagene „n. u. Z.“ (= „nach unserer Zeitrechung“), sondern „u. Z.“ = „unserer Zeitrechnung“. Es sei dahingestellt, ob aus der Verwendung von „v. u. Z.“ und „u. Z.“ Religionsfeindlichkeit abzulesen ist, jedenfalls finden sich beide Abkürzungen im alten DDR-Duden und im wiedervereinigten Duden von 1991.

Prof. Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta
Allgemeine Sprachwissenschaft/Germanistische Linguistik



Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1992-Okt-22

Maßen und nicht Massen

Daß die OV offenbar den Kampf gegen Silbensalate und andere sprachliche Monstren aufnehmen will, nimmt der Leser gern zur Kenntnis (OV vom 17.10.92, Seite 21). Nur möchte man ihr empfehlen, in einer Hinsicht bei dem äußerst faulen Programm zu bleiben, das angebliche Umwandlungsregeln mit Fü-ßen tritt und „ß“ am Zeilenende eben nicht in „ss“ auflöst und aus „Ma-ßen“ nicht „Mas-sen“ macht, als wären es „Massen“. Entgegen einer häufig zu hörenden Meinung wird „ß“ nämlich nicht aufgelöst: Rechtschreibduden 1991, Seite 56: „rei-ßen“, „Beß-rung“. Und auch die jüngsten Reformvorschläge zur Rechtschreibung (vgl. OV vom 14.10.92, Seite 27) bleiben bei dieser Regelung.

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta



Leserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1995-Dez-07

Ein unnötiger Angriff

Für Cornelius Riewerts ist die nun wohl doch in Kraft tretende Rechtschreibreform »ein unnötiger Angriff auf die deutsche Sprache« (OV, 2. 12. 95, S. 7). Zwar macht er nicht im einzelnen klar, worin der Angriff besteht – abgesehen von den in der Überschrift (»Der Kuss macht Angst im wässrigen Stillleben«) vorgeführten neuen Schreibweisen. Deutlich gemacht wird aber, daß der heimtückische Angriff vom Helden Gerhard Schröder wenigstens abgemildert worden ist, so daß uns Schreibweisen wie »Restorant« und »Apoteke« erspart blieben.

Wie sähe es denn auch aus, wenn nach einer Schlacht am kalten Büfett zu berichten wäre, daß sich Schofför und Frisör dort um eine fantastische Sinfonie aus Nugat und Majonäse gebalgt hätten und einer die anschließende Polonäse mit Stewardeß, Miß und Mätresse fotografiert hätte?

Scherz und Ironie (die Schreibungen im vorgehenden Satz sind nämlich alle schon jetzt vom Duden zugelassen) beiseite: Der von Riewerts konstatierte »Angriff auf die deutsche Sprache als eine der immer noch wichtigsten Kultursprachen der Erde« wird meines Erachtens nicht von den Reformern, sondern täglich unter anderem auf Zeitungsseiten getragen, auch und gerade in der »Oldenburgischen Volkszeitung«. Ein treffendes Beispiel dafür findet sich in der Glosse eines gewissen Walter Nielsen »Bitte das neue Buch von Michael Jackson« direkt unter dem »Rechtschreibungsreform«-Kommentar. In seinen 48 Zeilen finden sich 10 Fehler. Wenn die Reform schon vollzogen wäre, ginge die Fehlerzahl um 30 Prozent zurück: »stattdessen«, »Whisky-Wälzer«, »Alkohol-Experten«, wären nicht mehr falsch. Weiterhin falsch blieben allerdings: »Buchhändler/innen«, »›... Jackson heraus‹.« (statt »›... Jackson heraus.‹«, »Hifi«, »weiter treiben«, »... wird Sie nur sagen ...«, »CD’s« sowie das Komma zwischen »Bier« und »oder« im letzten Absatz. Wie sähen nun die Folgen des Reformer-»Angriffs« aus? Lediglich die beiden »ß« in »bißchen« und »müßten« wären in »ss« umzustellen. Sonst bliebe alles beim alten.

Bloß gut, daß bei Nielsen weder »Philosoph« noch »Physik« vorkommen. Sie bleiben nämlich nach dem Vorschlag der Reformer in dieser Schreibweise, und zwar nur in dieser, erhalten – Riewert’s Aufatmen darüber, daß uns einiges erspart bleibt »nach der Entschlackung der Reform«, ist nicht nur unbegründet, sondern leider auch unfundiert.

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta



L
eserbrief in der “Welt”, 1995-Dez-12

Rechtschreibung
Zu: »Das Sonstige gebar die Macht des Dudens«, WELT vom 30. November

Kollege Sauer stellt den »Rechtscharakter« der Duden-Schreibweisen mit der Begründung in Abrede, der entsprechende Beschluß der Kultusministerkonferenz (der übrigens nicht im Jahre 1952, sondern 1955 getroffen wurde) stelle kein »unmittelbar geltendes Recht« dar. Dazu hätte es entsprechender Entscheidungen der Bundesländer bedurft. Eine solche Entscheidung ist beispielsweise für Sauers Bundesland Niedersachsen durch den Kultusminister getroffen worden, der den KMK-Beschluß vom 17. Januar 1956 »für die niedersächsischen Schulen in Kraft« setzte (»Schulverwaltungsblatt für Niedersachsen« vom 15. Februar 1956).

Prof. Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta



Leserbrief in der “
Oldenburgischen Volkszeitung”, 1997-Aug-30

Bindestrich-Regelung erlaubt

Im Streit um die Rechtschreibreform wird als eines der wenigen Beispiele immer wieder das Wort „Schiffahrt“ genannt (Bericht der OV vom 29. August). Die vorgesehene Schreibung „Schifffahrt“ wird – zumeist ohne weitere Begründung – abgelehnt oder lächerlich gemacht. Die dieser Schreibung zu Grunde liegende Regel wird hingegen nicht angeführt. Es handelt sich um das sog. Stammprinzip, das besagt, dass Wortstämme in unterschiedlichen Verwendungen möglichst gleich geschrieben werden sollen, also „Schiff“ immer mit zwei „f“, „Fahrt“ mit einem „f“. So verhält und verhielt es sich auch, wenn das Wort getrennt wird: „Schiff-fahrt“. Dasselbe gilt für „Schifffracht“, das schon bisher, ohne dass es darüber Aufregungen gegeben hätte, mit drei „f“ geschrieben wurde, weil auf das „f“ von „Fracht“ ein weiterer Mitlaut, das „r“, folgt. In beiden Fällen wird übrigens die Bindestrichschreibung erlaubt sein: „Schiff-Fahrt“, „Schiff-Fracht“.

Die Reformgegner berufen sich gern auf die amtliche Rechtschreibregelung von 1901. Dort findet sich aber nur eine Kann-Bestimmung, wonach der dritte Mitlaut ausfallen kann, aber nicht muss (§ 14, Anm. des Regelbuches). Demnach wären also sowohl „Schiffahrt“ als auch „Schifffahrt“ als korrekt anzusehen. Die komplizierte und einengende Regelung geht auf spätere, nichtamtliche Eingriffe in das Regelwerk zurück.

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta



Theorie und Alltagspraxis: Zur Fe(h)de um die Rechtschreibreform

Rektoratsrede
1997-Okt-20

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

meinen Beitrag finden Sie auf Ihrem Programmzettel unter der Überschrift „Rektoratsrede“. Ich glaube, ich bin Ihnen dazu ein paar Erklärungen schuldig, denn bisher war es in Vechta nicht üblich, dass Rektoratsreden gehalten wurden. Und auch den Studienanfängern unter Ihnen – Sie begrüße ich noch einmal ganz besonders herzlich –, auch Ihnen dürfte diese Redesorte kaum bekannt sein.

Wenn man in schon leicht angestaubten Büchern zur Universitätsgeschichte blättert, stößt man gelegentlich auf Redetexte, die noch geheimnisvollere Titel tragen, wie zum Beispiel „Inaugurationsadresse“. Sie bestehen meist aus zwei Teilen, einem eher allgemein gehaltenen und einem stärker fachlich ausgerichteten. In dem ersten, allgemeinen Teil stellt sich der neu gewählte Rektor vor und macht einige programmatische Ausführungen zu der vor ihm liegenden Amtszeit. Im zweiten Teil wird es, wie gesagt, fachlich. Dort bezieht sich der neu gewählte Rektor auf sein Fachgebiet. Er wählt ein Thema aus seinem Fach, von dem er hofft, dass es möglichst allgemein interessiert, und versucht, in allgemein verständlicher Form deutlich zu machen, was der Beitrag seines Fachgebiets zu dem gewählten Thema sein kann. Er möchte zeigen, wie der spezielle wissenschaftliche Zugriff seines Faches in der ausgewählten Frage aussieht und zu welchen Lösungen oder Einschätzungen er auf der Grundlage seines wissenschaftlichen Ansatzes kommt. Dies sollte der Redner möglichst anschaulich, möglichst verständlich und, wenn er es kann, möglichst kurz machen. In meinem Fall handelt es sich bei dem gewählten Gegenstand um die Rechtschreibreform. Zu der gegenwärtig tobenden Fehde um diese Reform möchte ich aus der Sicht des Sprachwissenschaftlers einige Anmerkungen machen.

Was ist der Ursprung und der Sinn eines solchen Unternehmens, das unter dem Begriff „Rektoratsrede“ läuft? Ich erkläre es mir so: Der Rektor einer Hochschule wie der unseren kommt aus der Professorenschaft dieser Universität. Dort ist er als Wissenschaftler tätig, vornehmlich in der Forschung und in der Lehre, und für eine gewisse Zeit wird er nun zum Rektor gewählt und muss plötzlich ganz andere Aufgaben als die gewohnten – eben Forschung und Lehre –  erledigen. Er ist zwar durch seine früheren Tätigkeiten in der Selbstverwaltung der Universität schon ein bisschen darauf vorbereitet, aber mit welcher Macht und welcher Wucht er in eine ganz andere Welt gestoßen wird, sobald er seinen ersten Tag im neuen Amt beginnt, das kann man sich als Außenstehender gar nicht dramatisch genug vorstellen. Plötzlich besteht der Tag fast nur noch aus Verwaltung, es sind hundert Unterschriften zu leisten, zwanzig Entscheidungen zu treffen, fünf Gespräche gleichzeitig zu führen und dauernd klingelt das Telefon. Da bekommt der neue Rektor das Gefühl, zurückgestoßen zu sein in den Zustand des Nichtwissenden und des Unmündigen, dem alle möglichen Leute sagen, wo es langgeht, wo er in welcher Farbe zu unterschreiben hat – und er hat längere Zeit keinen rechten Durchblick und handelt im Vertrauen darauf, dass es wohl doch nicht ganz falsch ist, wenn er das tut, was man ihm sagt. Und wenn er dann einmal Zeit hat durchzuatmen und nach oben zu sehen, dann bekommt er plötzlich Heimweh, Sehnsucht nach seiner gewohnten Tätigkeit und Lebensweise als Wissenschaftler, als Forscher und akademischer Lehrer. Dazu fühlt er sich berufen, da kennt er sich aus, das macht ihm eigentlich Freude und dorthin will er wieder zurück, und zwar so schnell es nur geht. Aber nun ist er einmal auf zwei Jahre gewählt und die muss er mindestens durchhalten, durchhalten in dem sicheren Gefühl, dass für Forschung und Lehre kaum Zeit bleiben wird, trotz bester Vorsätze, sich nicht vom Rektoramt ganz auffressen zu lassen, sondern wenigstens eine Lehrveranstaltung ordentlich durchzuführen und zumindest die neu erscheinende Literatur zu verfolgen, damit er auf seinem engeren Fachgebiet einigermaßen auf dem Laufenden bleibt. Wissenschaftliche Arbeiten schreiben und veröffentlichen wird er wohl kaum können – diesen Traum kann er sich, wie man so schön sagt, wohl abschminken. Um aber nun zu zeigen, wo seine eigentliche berufliche Bestimmung liegt, fühlt er sich zumindest zu Beginn seiner Amtszeit, wo er noch nahe seinem früheren Tun und Weben ist, angehalten, sich vielleicht für längere Zeit ein letztes Mal als Wissenschaftler und nicht als Administrator oder, wie es jetzt gelegentlich heißt, als Universitätsmanager zu präsentieren. Das heißt: Er muss eine Rektoratsrede halten.

In deren ersten Teil darf und soll er, wie gesagt, einige programmatische Ausführungen machen und sich dazu äußern, welche Schwerpunkte er in seiner Amtszeit setzen möchte. Ich möchte diesen Teil meiner Ausführungen unter das Motto „Aus der Hochschule Vechta soll die Universität Vechta werden“ stellen. Dies ist in mehrfachem Sinne zu verstehen, zunächst in einem recht vordergründigen. Wie Sie wissen, trägt diese Institution einen merkwürdigen Namen: „Hochschule Vechta“. Dies ist wie wenn ein Gymnasium den Namen „Schule dort-und-dort“, also „Schule Lingen“, „Schule Diepholz“, „Schule Bremen“ tragen würde. Dann wüsste keiner, um was für einen Schultyp es sich handelt, und die Verwirrung wäre komplett. So ähnlich ist es bei der Hochschule Vechta. Hochschulen sind entweder Universitäten oder Fachhochschulen oder Kunst- oder medizinische Hochschulen und dergleichen. Und dann heißen sie auch entsprechend. Unseren Rechten nach sind wir eine Universität – so wie wir es waren, als wir noch Teil der Universität Osnabrück waren. Dann sollten wir aber auch „Universität“ heißen, schon aus dem Grunde, dass unsere Absolventen auf ihren Abschlusszeugnissen ihren künftigen Arbeitgebern demonstrieren können, dass sie an einer Universität studiert haben. Ich glaube, wir dürfen hoffen, dass die Verleihung der Bezeichnung „Universität“ im nächsten Jahr vonstatten geht. So viel zum vordergründigen Sinn, in dem ich das genannte Motto verstehen möchte: Wir wollen wieder „Universität“ heißen.

Ich verbinde damit aber auch tiefergehendes und akzentuiere das Motto leicht anders: „Wir wollen Universität bleiben“. Darunter lässt sich zweierlei verstehen. Ich beginne mit dem ursprünglichen Sinn des mittellateinischen Wortes „universitas“. Damals meinte es „Gemeinschaft, Kollegium“ im Sinne der Gemeinschaft der Professoren und der Studenten, der Lehrenden und der Lernenden. Diese Gemeinschaft machte die frühere Universität aus und ging bis hin zur häuslichen Wohngemeinschaft. Die haben wir auch in Vechta für Lehrende und Lernende natürlich nicht mehr, doch konnten wir eher als die großen Universitäten schon in der Vergangenheit ein Stück davon bewahren und wiederbeleben. Indem wir mit dem Pfunde unserer Kleinheit wuchern – knapp 2000 Studenten auf ungefähr 100 Dozenten –, ist es uns in Vechta möglich, so etwas wie eine Gemeinschaft zu bilden. Ich stelle mir das bildlich wie ein System kommunizierender Röhren vor, in dem Lehrende auf Studenten einwirken und daraus sogleich eine Rückkopplung erfolgt, die die Lehre beeinflusst und verbessert und das Studium fruchtbarer und effektiver macht. Dies könnte weiterhin helfen, die in Vechta ohnehin nicht allzu langen Studienzeiten zu verkürzen, auch dadurch, dass das Studium optimal auf die nun einmal am Ende liegenden Prüfungen vorbereitet und die Examina nicht aus Angst hinausgeschoben werden. Wir sollten zusätzlich Überlegen, ob wir nicht noch stärker studienbegleitende Prüfungsleistungen einführen und damit den gegenwärtig viel berufenen Gedanken vom Credit-Point-System aufgreifen. Ich meine, hier sollten recht bald entsprechende Überlegungen einsetzen.

Mit dem Begriff der Universität ist ein Drittes verbunden. Das wichtigste Kennzeichen der Hochschulen, die Universitäten sind, ist die Verbindung von Forschung und Lehre und Studium. Mag dies auch noch so sehr wie ein Gemeinplatz klingen und mögen auch viele sich modern dünkende Wissenschaftspolitiker und -manager dies zu einem überholten Humboldt-Ideal erklären, ich bin überzeugt davon, dass die Verbindung von Forschung und Lehre und Studium das beste Mittel nicht nur dafür ist, die Wissenschaft voranzubringen, sondern auch Sie, die Studenten, die Sie Ihr Studium jetzt aufnehmen oder sich mitten in ihm befinden, auf die Forderungen der Berufspraxis optimal vorzubereiten. Ein wissenschaftlich geprägtes Universitätsstudium braucht sich ja nicht von den Praxisbezügen zu trennen. Wir in Vechta haben diese enge Verbindung zur Praxis in den Lehramtsstudiengängen ja immer gesucht und gepflegt – wenn es auch noch ein bisschen intensiver geschehen dürfte –, wir meinen aber, dass eine bloße Vermittlung von Rezepten, wie Praxissituationen zu bewältigen sind, erstens nicht ausreicht und zweitens gar nicht möglich ist, weil die Fülle der Situationen, auf die Sie später in Ihrem Beruf reagieren müssen, gar nicht im Einzelnen vorhersehbar ist. Wissenschaft, wie sie an Universitäten gepflegt wird, fragt genereller und lässt sich nicht auf Rezeptvermittlung beschränken. Dies gilt nicht nur für unser traditionelles Zentrum, die Lehramtsstudiengänge, sondern auch für die sie nunmehr begleitenden und umgebenden neuen Studiengänge, also die Umweltwissenschaften, den Naturschutz und die Gerontologie. Manchmal ist es sogar nötig, dass der Praxisbezug ganz in die Ferne rückt, wenn man sich beispielsweise mit der geschichtlichen Entwicklung einer Theorie oder mit Theoriealternativen beschäftigt. Aber das so erworbene Wissen kann sich später als ungeahnt praktisch hilfreich erweisen, wenn aus der Fülle des Gelernten eine schwierige Praxissituation plötzlich analysierbar und lösbar wird.

Ich will hier also wahrlich nicht der Beschränkung auf theoretisches Wissen das Wort reden und Universität mit durchgehender Praxisferne gleichsetzen. Was ich meine, wenn ich auf der Wichtigkeit theoretischen Wissens beharre und sage, die wohl wichtigste Aufgabe der Universität bestünde darin, die Studenten den Umgang mit theoretischem Wissen zu lehren und zur Wissensverarbeitung und Wissensproduktion zu befähigen, möchte ich nun im zweiten Teil meiner Ausführungen an einem Ausschnitt demonstrieren, der in meinem Lehr- und Forschungsgebiet liegt und sich derzeit einer beträchtlichen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, aber auch im Privatleben erfreut: die Reform der deutschen Orthografie. Ich möchte Ihnen an ausgewählten Beispielen vor Augen fuhren, wie wichtig es für die Alltagspraxis – damit meine ich unter anderem die gegenwärtige Debatte – ist, von der Theorie der Rechtschreibung eine Menge zu verstehen, um so die vertretenen Positionen, Ansichten und öffentlichen Darstellungen – also die Alltagspraxis – kritisch, das heißt: kompetent, beurteilen zu können und zu einem begründeten eigenen Urteil zu gelangen. Dabei dient unser engeres Thema natürlich nur als Beispiel dafür, wie in allen Bereichen des Lebens, in denen Theorie und Wissenschaft eine Rolle spielen, deren Verhältnis zur Lebenspraxis entscheidend ist. Haben Sie keine Angst, dass ich zu speziell werden könnte; Sie haben ja alle die deutsche Rechtschreibung erlernt – mehr oder weniger, natürlich – und ich greife solche Felder auf, die Ihnen klar und deutlich vor Augen stehen dürften.

Unter den Kritikern der Rechtschreibreform gibt es zwei Hauptpositionen: dem einen geht sie nicht weit genug, dem anderen geht sie zu weit. Beide ziehen daraus denselben Schluss: Lasst uns beim Alten bleiben. Wie dieser Schluss zu einer öffentlichen Forderung umgesetzt wird, können wir derzeit ganz in unserer Nähe miterleben. In Oldenburg wird eine Grundschulklasse anders unterrichtet als die übrigen. Weil die Mutter einer der Schülerinnen, die Mutter der achtjährigen Josephine, gegen die Einführung der neuen Rechtschreibung einen Prozess vor dem Verwaltungsgericht angestrengt und gewonnen hat, mussten die Lehrer in Josephines Klasse, wann immer im Unterricht ein Wort in reformierter Schreibweise zu schreiben war – insgesamt geht es in der Grundschule um 32 Wörter –, Josephine und ihre Klassenkameraden darauf hinweisen, dass die neue Schreibung noch nicht endgültig feststehe und daneben eine andere ältere Schreibung existiert. Zum Beispiel: Das Wort „Kuss“ wird neu mit zwei „s“ geschrieben, die alte, weiterhin gültige Schreibung ist „Kuß“ mit „ß“. Dies war eine Kompromisslösung, die verhinderte, dass Josephine Einzelunterricht erteilt werden musste. Mitte letzter Woche hat sich die Situation verschärft: Josephines Mutter hat den Kompromiss mit dem Kultusminister aufgekündigt, woraufhin dieser nun doch Einzelunterricht anordnete. Und vorvorgestern – Sie sehen daran, wie aktuell unser Thema ist – hat sich die Lage durch das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg nochmals verändert. Dieses höhere Gericht hat festgestellt, dass die Einführung der Reform in den niedersächsischen Schulen vor dem eigentlich vorgesehenen Termin, dem 1. August 1998, rechtswidrig sei.

Solche Urteile von Verwaltungsgerichten liegen in größerer Zahl vor – jüngst waren es fünfzehn, nunmehr sind es sechzehn. Dies führte eine Zeit lang dazu, im Stil der Sportberichterstattung zu formulieren, dass die Partie 9 zu 6 stehe: Neun Gerichte seien für die Reform, sechs dagegen. Das lesen wir in einer Zeitung unter der Überschrift: „Großes Hickhack und kein Ende“: „Rechtschreibreform: Bisher 15 Gerichtsentscheide – sechs dagegen, neun dafür.“ Jetzt müsste umformuliert werden: 16 Gerichtsentscheide – sieben dagegen, neun dafür. Solche Aussagen geben den Sachverhalt aber missverständlich wieder: Die Gerichte hatten nicht über die Reform an sich zu befinden und sie für gültig oder ungültig zu erklären. Vielmehr ging es um die Art der Einführung der Reform in den Schulunterricht. Sie geschah in den einzelnen Bundesländern auf dem Wege von Erlassen oder Verordnungen der Kultusministerien. Die Reformgegner meinen nun, dass dieser Weg nicht genüge. Die Rechtschreibreform stelle einen so wesentlichen Eingriff in die bisher übliche Schreibpraxis dar, dass sie nicht allein von Ministerien verordnet werden dürfe. Vielmehr müssten die Parlamente darüber entscheiden, und zwar auf Grund der sogenannten „Wesentlichkeitstheorie“. Diese Wesentlichkeitstheorie besagt, dass alle staatlichen Maßnahmen, die in das Leben der Bürger wesentlich eingreifen, eines Parlamentsbeschlusses bedürfen. Die Gegner der Reform erkennen in ihr nun eine solche wesentliche Maßnahme, während die Kultusminister sie zwar natürlich nicht für unwesentlich halten – für die Ministerien beinhaltet die Reform aber keine so gravierende Änderung der üblichen Schreibgewohnheiten, dass darüber die Parlamente zu befinden hätten. Wer in dieser Frage nach der Wesentlichkeit Recht hat – darüber hatten und haben die Verwaltungsgerichte zu entscheiden und in dieser Frage steht es gegenwärtig 6 zu 9: sechs für Wesentlichkeit, neun dagegen. Hinzu kommt das neue Urteil aus Lüneburg, das die vorzeitige Einführung der Reform bemängelt.

Wozu diese Ausführlichkeit? Ich wollte an diesem kleinen Beispiel demonstrieren, wie wichtig es ist, sich auf gewissen Feldern Expertenwissen anzueignen, damit man nicht hilflos den Äußerungen anderer, hier also manchen Zeitungsmeldungen, ausgesetzt ist. Wenn wir im Verbreiten und Aufnehmen von Zeitungsnachrichten einen Teil dessen sehen, was im Titel dieses Vortrages als „Alltagspraxis“ bezeichnet wird, wird vielleicht etwas deutlicher, was ich mit der Forderung nach theoretischem oder Expertenwissen meine: die Chance, sich von bloßen populären Meinungen lösen und sie nötigenfalls als unrichtig zurückweisen zu können. Nun werden Sie vielleicht sagen, dass es ja wohl nicht angehen kann, dass Germanistikstudenten – denn die habe ich natürlich in der Hauptsache im Blick – sich zu juristischen Experten ausbilden. Dabei könne doch bestenfalls nur wieder ein Dilettieren auf ungefestigtem Boden herauskommen. Ich gebe Ihnen im Grundsatz Recht, meine aber, dass der angesprochene Punkt erhellend ist für die Forderung nach einem gründlichen wissenschaftlichen, theoretisch orientierten Studium, und zwar auch, um in unserem Gebiet zu bleiben, für künftige Lehrer im Grund-, Haupt- und Realschulbereich, wie sie sich hier in Vechta auf ihren künftigen Beruf vorbereiten.

Ich möchte dies an einem zweiten Beispiel etwas weiter ausführen und bleibe dazu im Bereich der Berichterstattung über die Rechtschreibreform in den Medien, insbesondere in den Zeitungen.

Dort werden immer wieder Beispiele für Wörter genannt, deren Schreibung sich mit der Reform ändern soll. So finden wir etwa im September 1997 im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ eine Illustration, auf der eine Schultafel abgebildet ist. Auf ihr sind vier Wörter zu lesen, nämlich die Wörter „Asphalt“, „Frevel“, „Alptraum“ und „Zucker“. Bei den ersten beiden sind jeweils zwei Schreibweisen vermerkt, nämlich „Asphalt“ mit „ph“ und „Asfalt“ mit „f“ sowie „Frevel“ mit „v“ und „Frefel“ mit „f“. In der Unterzeile zu dieser Abbildung heißt es: „Ein Wort – zwei Schreibweisen.“ Diese Angaben sind bedauerlicherweise falsch.

Zunächst zu „Asphalt“. Dieses Wort darf auch künftig nur mit „ph“ geschrieben werden. Es war zwar 1994 von der Reformkommission beschlossen worden, künftig als Nebenform auch die Schreibung mit „f“ zuzulassen, doch wurde diese Möglichkeit durch Einspruch des bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair aus dem Reformwerk wieder gestrichen. Dies geschah auch bei einigen weiteren Wörtern, die aus dem Griechischen kommen und bei denen die Reformer neben der „gelehrten“ Schreibung mit „ph“ die eingedeutschte Schreibung mit „f“ zulassen wollten. Dies waren die Wörter „Alphabet“, „Apostroph“, das schon erwähnte Wort „Asphalt“, „Cellophan/Zellophan“, „Katastrophe“, „Strophe“ und „Triumph“. In diesen und nur in, diesen Fällen sollte, wie gesagt, die Schreibung mit „f' auch zulässig werden, und zwar sogar nur als Nebenform, doch ging dies Politikern wie dem erwähnten bayerischen Kultusminister schon zu weit. Er hielt die Schreibungen mit „f“ für eine Barbarei und verwies auf die Fremdsprachen, in denen ebenfalls die „gelehrten“ Schreibungen mit „ph“ gelten würden. Dabei hatte er offenbar das Englische und das Französische im Sinn, wo – um das Beispiel „Katastrophe“ herauszugreifen – tatsächlich „catastrophe“ und „la catastrophe“ mit „ph“ geschrieben werden. Aber in den südlichen romanischen Sprachen, im Italienischen, Spanischen und Portugiesischen, wird „catástrofe“ mit „f“ geschrieben. Dies wird dort natürlich von keinem als Barbarei empfunden. Wenn man nun bedenkt, dass das Spanische nicht nur im Mutterland Spanien, sondern in ganz Mittel- und Südamerika mit Ausnahme von Brasilien gesprochen und damit auch geschrieben wird – in Brasilien spricht und schreibt man Portugiesisch, also „catastrofe“ auch mit „f“ –, dann wird klar, dass allein von der Zahl der Schreiber her die „ph“ schreibenden Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch nicht viel stärker sind als die „f“-schreibenden Sprachen, zu denen sich auch kleinere Sprachen wie das Schwedische und das Niederländische, aber auch zum Beispiel das Polnische gesellen. Ganz offenbar wurden, als man die für das Deutsche ursprünglich vorgesehenen „f“-Schreibungen verhinderte, sprachkritische und international gemünzte Argumente vorgeschoben, wo es lediglich um ästhetische Wertungen ging, oder gar allein das Festhalten am Gewohnten das wahre Motiv war. Wie Sie sich vielleicht erinnern, wurden in vielen Zeitungen und Fernsehsendungen nicht nur die genannten Wörter „Asfalt“ und so weiter als abschreckende Beispiele genannt, sondern insbesondere auch das Wort „Filosof“ mit einem „f“ am Anfang und am Ende. Sie finden es zusammen mit einigen weiteren Beispielen auf der nächsten Folie.

Doch den Mut, diese Schreibung vorzusehen (und sei es auch nur als Nebenform neben der Hauptform „Philosoph“ mit zwei Mal „ph“), hatten die Reformer gar nicht gehabt – wohl in realistischer Voraussicht, was den Politikern zuzumuten wäre: Denn diese hatten das letzte Wort zum Reformvorschlag. Auch hier in Klammern die Anmerkung, dass in den großen Fremdsprachen wieder nur das Englische und das Französische den Philosophen mit „ph“ schreiben, während das Italienische, das Spanische und das Portugiesische selbstverständlich „filosofo“ mit zwei „f“ schreiben, und zwar ausschließlich so. Wir wurden im Deutschen übrigens, was die „ph“-Schreibungen, aber auch die ebenfalls in diesen Zusammenhang gehörenden Schreibungen mit „th“ in Wörtern griechischen Ursprungs wie „Apotheke“, „Athlet“, „Rhythmus“ angeht, die gegenwärtige Debatte gar nicht mehr führen, wenn die letzte Rechtschreibreform in Kraft geblieben wäre. Diese Reform, die erste und bis dahin einzige nach der Festlegung der bis jetzt gültigen Rechtschreibung im Jahre 1901, wurde im Jahre 1944 verordnet. Sie ist weitestgehend unbekannt geblieben, denn sie konnte sich aus Gründen, die man sich leicht vorstellen kann, nicht durchsetzen. 1944 also, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde verordnet, dass Wörter wie „Philosoph“, „Pharisäer“ und „Physik“ zwar weiterhin mit „ph“ geschrieben werden können, die empfohlenen Hauptformen waren jedoch die mit „f“. So auch bei „th“, wo gleichberechtigt nur „t“ zu schreiben sei: „Teologe“, „Teater“, „Teorie“, „katolisch“, „Apoteke“, „Rytmus“. Noch besser sei es allerdings, solche Fremdwörter ganz zu meiden und statt „Filosof“ „Denker“ zu sagen, statt „Teke“ „Ladentisch“, statt „Teologie“ „Gottesgelehrtheit“ zu verwenden. Wie allerdings „katolisch“ einzudeutschen sei, verrät uns das Regelbuch von 1944 nicht.

Diese Reform, die in manch anderen Punkten mit der jetzt vorgeschlagenen übereinstimmt, hat sich, wie gesagt, nicht durchgesetzt. Sie hätte manche Debatte der Gegenwart überflüssig gemacht und wahrscheinlich würde sich niemand mehr über den Filosofen mit zwei „f“, der ins Teater mit zwei „t“ geht, aufregen.

Der Ausgangspunkt für das gerade Gesagte war eine Illustration in einer Fachzeitschrift, in der offenbar fehlerhafte Behauptungen über die tatsächlichen Inhalte der Reform in Bezug auf bestimmte Wortschreibungen gemacht werden. Dies gilt nicht nur für das Beispiel „Asphalt“, sondern auch für das nächste Wort, das wir dort finden, nämlich das Wort „Frevel“. Wie Sie wissen, mussten wir „Frevel“ bisher mit „v“ schreiben. Die Reformer schlugen 1994 vor, es künftig im Wortinnern mit „f“ zu schreiben, also „Frefel“. Insofern liegt der Fall anders als bei „Asphalt“, wo eine Doppelform vorgesehen war. Die Begründung für die Umstellung von „Frevel“ mit „v“ auf „Frefel“ mit „f“ in der Mitte ist, dass allein in diesem Wort der Laut [f] zwischen zwei Vokalen mit „v“ geschrieben wird (wenn man von Fremdwörtern wie „Evangelium“, „Eva“ absieht). „Frefel“ sollte also in Analogie zu „Hefe“, „schlafen“, „Ofen“ und vielen weiteren hierher gehörigen Wörtern mit „f“ geschrieben werden. Anders gesagt: Es sollte eine Ausnahme beseitigt werden. Doch auch dieser Vorschlag wurde von den Kultusministern verworfen, sodass es bei „Frevel“ mit „v“ bleibt. Dies gilt übrigens auch für das Wort „Fehde“, das im Untertitel dieses Vortrags mit einem eingeklammerten „h“ erscheint. Ich wollte Ihnen damit andeuten, dass für eine Weile vorgesehen war, das „h“ wegzustreichen. Es hat aber überlebt, und zwar wieder durch Einspruch der Kultusminister. Dabei hätte das „h“ in diesem Falle mit noch größerer Berechtigung weichen müssen, als es gerade beim „Frevel“-„v“ der Fall war. „Fehde“ ist nämlich nicht nur das einzige Wort, das vor dem Buchstaben „d“ ein so genanntes Dehnungs-„h“ aufweist – denken Sie an „Rede“, „Schaden“, „Boden“ und so weiter: alle ohne „h“. Dieses Dehnungs-„h“ ist darüber hinaus vor allen Buchstaben, die Verschlusslaute wiedergeben, unzulässig, also nicht nur vor „d“, sondern auch vor „b“ und „g“ sowie vor „t“, „p“ und „k“. Wenn es eine Rechtschreibregel mit einem weiten Anwendungsbereich gibt, dann ist es diese: Schreibe nie ein Dehnungs-„h“ vor „b“, „d“, „g“ und „p“, „t“, „k“. Die einzige Ausnahme – und wer stöhnte nicht über die vermaledeiten Ausnahmen in der Rechtschreibung? – war und bleibt leider die „Fehde“.

Hier hat sich die offenbar unreflektierte Alltagspraxis der Kultusminister, die nicht von Theorieüberlegungen, wie ich sie gerade formuliert habe, geleitet ist, durchgesetzt. Auch in diesem Sinne plädiere ich dafür, dass man wenigstens gelegentlich bei Experten nachfragt. Und ich bin des Weiteren der Meinung, dass wenigstens künftige Deutschlehrer über die gerade referierte Lage im Bereich von Regel und Ausnahme Bescheid wissen müssen. Wir haben an der Universität die Aufgabe, sie dies zu lehren. Vielleicht gelingt es mir, Ihnen auch an diesem Beispiel deutlich zu machen, was ich mir unter einem Studium vorstelle, das theoriebezogen angelegt ist: Keine bloße Einzelfallbetrachtung, sondern das Einbetten des Einzelfalles in größere, erhellende Zusammenhänge. Dies wird dann wohl auch für die alltägliche Unterrichtspraxis Nutzen stiften, wenn der Lehrer den Gesamtüberblick hat und nicht zusammen mit den Schülern am Einzelfall klebt, sondern im Gegenteil in der Lage ist, die Zusammenhänge schülerspezifisch zu verdeutlichen.

Ich darf noch einmal auf die Illustration zurückkommen, von der ich ausgegangen bin. Sie enthält, wie gesagt, vier Beispielfälle. Neben „Asphalt“ und „Frevel“, die wir besprochen haben, stehen auf der Tafel noch „Alptraum“ und „Zucker“. Neben „Alptraum“ mit „p“ steht „Albtraum“ mit „b“. Dies ist nun die erste korrekte Aussage, die der Tafel zu entnehmen ist: Neben der bisherigen Schreibung von „,Alptraum“ mit „p“ soll nach der Reform auch „Albtraum“ mit „b“ gleichberechtigt möglich sein. Ich weiß nicht, wie Sie dieses Wort bisher geschrieben haben, vielleicht haben Sie ja schon immer – dann aber fälschlich – nach der Reform geschrieben.

Das letzte Beispiel ist „Zu-cker“, und zwar mit einem Trennstrich nach dem „u“. Damit wird eine neue Regel demonstriert, die die alte Regel ersetzt, wonach die Buchstabenverbindung „ck“ bei der Worttrennung am Ende einer Zeile in Doppel-„k“ umzuwandeln und der Trennstrich zwischen die beiden „k“ zu setzen ist. Bevor ich darauf noch etwas näher eingehe, will ich festhalten, dass von den vier Beispielfällen auf unserer Illustration lediglich zwei zu Recht erscheinen, wenn es darum geht, die Inhalte des Reformwerkes zu illustrieren. Eine Fehlerquote von 50 Prozent ist eigentlich nicht hinzunehmen, sie ist aber – das darf ich nach aufmerksamer Durchsicht von derartigen Meldungen im Lauf der letzten zwei, drei Jahre sagen – leider typisch. In der Karikatur auf der zweiten Folie, die aus einer halboffiziellen Zeitschrift stammt, ist es noch schlimmer: Von den acht Beispielen sind sechs falsch, eine Fehlerquote von 75 Prozent! Von den Beispielen stimmen lediglich zwei: „Spagetti“ kann in Zukunft ohne „h“ geschrieben werden – muss aber nicht. Und auch „Fassette“ kann zukünftig eingedeutscht werden, dann steht das Doppel-„s“ neben dem französischen „c“.

Bei den vorgeführten Illustrationen handelt es sich leider nicht um Einzelfälle. Vielmehr ist durchgängig festzustellen, dass über die Reform in öffentlichen Medien, insbesondere in denen, die der Reform kritisch gegenüberstehen oder sie unverhüllt bekämpfen – hierher gehören neben anderen der „Spiegel“, der „Focus“, die „FAZ“ und die „Welt“ –, in einem über bloße Irrtumszulässigkeit weit hinausgehendem Maße fehlerhaft berichtet wird. Ich gestehe Ihnen, dass mich große Skepsis überkommt, ob wir in den Medien korrekt unterrichtet werden, wenn in einem Bereich, in dem man selbst einigermaßen zu Hause ist, derartig unzuverlässig informiert wird. Lehrer jedenfalls, auch und gerade praktizierende oder künftige Deutschlehrer, sollten sich davor hüten, ihre Informationen allein aus Zeitungen zu beziehen. Sie müssen sich Spezialwissen aneignen, und dies nicht nur im Studium, sondern ständig parallel zu ihrer Berufspraxis.

Lassen Sie mich noch einmal auf das Beispielwort „Zu-cker“ mit der Trennung vor dem „ck“ zurückkommen. Ich möchte ein letztes Mal versuchen, Ihnen die Vorteile einer theoriegeleiteten, an Zusammenhängen und Generalisierungen orientierten Betrachtungsweise vor Augen zu führen. Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht merkwürdig, von der gewohnten Trennregel bei „ck“ abzugehen. Dies wird jedoch sofort plausibel, wenn man die Neuregelung einordnet in ein Prinzip, das unsere Rechtschreibung insgesamt durchzieht. Dieses Prinzip ist das Prinzip der Stammschreibung oder, vornehmer ausgedruckt, der Schemakonstanz. Dieses Prinzip der Stammschreibung besagt, dass Wörter oder deren Stämme in allen Verwendungen, in denen sie vorkommen können, gleich oder wenigstens ähnlich geschrieben werden sollen. Also: „Zucker“ immer mit „ck“, auch wenn das Wort am Zeilenende getrennt wird. Ein weiteres Beispiel ebenfalls aus dem Bereich der Silbentrennung: Wenn in Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben zusammentreffen, bleiben sie alle erhalten. Dies lässt sich am vielbemühten Beispiel „Schifffahrt“ demonstrieren, das nach der Reform mit insgesamt drei „f“ zu schreiben ist: „Schiff“ schreibt man durchgängig mit zwei „f“, „Fahrt“ mit einem. So war es bisher schon bei „Schifffracht“, das wegen einer spitzfindigen Regel („Auf den letzten Konsonantenbuchstaben folgt ein weiterer Konsonantenbuchstabe“) mit drei „f“ zu schreiben war. Hier räumt die Reform mit einem Dickicht von Regeln und Unterregeln, die Ausnahmen zur Hauptregel bilden, auf.

Ebenfalls in den Wirkungsbereich des Prinzips der Stammschreibung fällt die Neuregelung der Schreibung von Wörtern mit Doppel-„s“ beziehungsweise „ß“. Bislang war es nötig, Umwandlungsregeln zu beherrschen, die ungefähr besagten, dass am Ende eines Wortes und vor einem Konsonanten „ß“ zu schreiben ist, im Wortinnern zwischen Vokalen, deren erster kurz ist, dagegen zwei „s“. Ein Beispiel: „müssen“ enthält zwei „s“, weil davor der kurze Vokal „ü“ und dahinter der Vokal „e“ stehen. Am Wortende wie in „(ich) muß“ oder vor einem Konsonanten wie in „(du) mußt“ ist hingegen „ß“ zu schreiben. In Zukunft sollen ale Formen von „müssen“ in Bezug auf den „s“-Laut gleich geschrieben werden, und zwar immer mit Doppel-„s“, also „müssen“, „muss“, „musste“, „gemusst“, „müsste“ usw. Diese Beachtung des Stammprinzips hat den Vorteil, dass nunmehr Wörtern wie „Fuß“ und „Fluss“ anzusehen ist, ob der Vokal lang oder kurz auszusprechen ist: bei langem Vokal „ß“, bei kurzem zwei „s“, und zwar durchgängig. Dies gilt ja auch sonst. Dass ein Vokal kurz auszusprechen ist, wird häufig durch die Doppelschreibung des folgenden Konsonantenbuchstabens markiert. Bei Vokallänge wird der Konsonantenbuchstabe immer einfach, nie doppelt geschrieben. Denken Sie an Beispiele wie „Kamm“ mit zwei „m“ im Unterschied zu „kam“ mit einem „m“. In diese Regelung fügt sich die neue Schreibung mit zwei „s“ beziehungsweise dem einen Buchstaben „ß“ aufs Schönste ein. Leider fällt aber in diese schöne Regelmäßigkeit ein Wermutstropfen: Es heißt „Busse“ mit zwei „s“, also müsste die Einzahlform „der Bus“ gemäß Stammprinzip ebenfalls mit zwei „s“ („Buss“) geschrieben werden. Dazu wollte oder konnte man sich nicht durchringen, ebenso wenig bei den Wörtern mit der Endung „nis“ wie „Kenntnisse“ (zwei „s“), aber „Kenntnis“ (weiterhin nur ein „s“). Insofern kann man der Reform vorwerfen, nicht konsequent genug vorzugehen. Doch dürfte dies kaum der Grund für diejenigen sein, die sich nunmehr vehement gegen die Reform als Ganze zur Wehr setzen.

Selten hat eine staatlich verordnete Maßnahme so viel Widerstand in der Bevölkerung hervorgerufen wie die Rechtschreibreform von 1996. Die Ablehnungsquoten, die uns die Demoskopen mitteilen, liegen je nach Umfrage zwischen 60 und 90 Prozent, die Unterschriftenlisten zur Einleitung von Volksbegehren füllen sich. In Niedersachsen haben bereits über 300 000 Menschen unterschrieben, 580 000 sind nötig, um dem Ziel näher zu kommen, im niedersächsischen Schulgesetz die alte Rechtschreibung verbindlich festzuschreiben. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob dieser Protest auf umfassende Kenntnis der Sache zurückgeht oder ob er nicht vielmehr einen allgemeinen Unwillen gegen staatliche Bevormundung darstellt, der sich gewissermaßen zufällig am Anlass Rechtschreibreform Ausdruck schafft. Aus zahlreichen Gesprächen im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis hat sich in mir die Meinung gefestigt, dass die Kenntnisse von der Reform selbst in gebildeten Kreisen nicht anders als gering zu bezeichnen sind. Ich unternehme gelegentlich den Versuch, die Vorzüge der Reform herauszustellen, die für mich in ihrer Systematizität, in der Beseitigung von Ausnahmen und in ihrer Operationalisierungsfähigkeit liegen – in vielen Bereichen kann man jetzt nämlich durch einfache Verfahren selber testen, wie zu schreiben ist. Dann setzt oft ein Umdenken ein, insbesondere dann, wenn bedauerlicherweise deutlich wird, wie unzureichend der Betreffende die alte Rechtschreibung in den von der Reform betroffenen Teilen beherrscht. Dann kann es geschehen, dass die wenig reflektierte Alltagspraxis der Ablehnung eines nicht gut bekannten Gegenstandes aufgeweicht wird zugunsten einer freundlicheren Betrachtung.

Um nun ein letztes Mal auf die Konsequenzen zu sprechen zu kommen, die ein so kleiner und wahrscheinlich auch gar nicht so gewichtiger Gegenstand wie die deutsche Rechtschreibung und ihre Reform bei den Überlegungen spielt, was die Lehrerausbildung an einer Universität ausmachen sollte: Es genügt meines Erachtens nicht, wenn künftige Lehrer, in unserem Fall Deutschlehrer, auf denen die Last des Rechtschreibunterrichts ruht, die Rechtschreibung bloß praktisch beherrschen und diese praktische Fertigkeit an ihre Schüler weitergeben. Ich wollte Ihnen zeigen, wie die Kenntnis von den theoretischen Zusammenhängen, die dieser praktischen Fertigkeit zugrunde liegen und die der bloße Praktiker gar nicht kennt, geeignet sind, das Gesamtfeld der Rechtschreibung zu beleuchten und überschaubar zu machen, zu systematisieren. Dies hilft die Stärken der Reform zu erkennen, ohne dass man über ihre Schwächen hinwegsehen muss.

Erst eine solche Gesamtschau befähigt zu einem ausgewogenen Urteil, das auf mehr beruht als bloßen Meinungen und Annahmen. Ich bin der Auffassung, dass es Aufgabe der Lehrenden an einer Universität ist, den Studenten auf allen praxisrelevanten Feldern in allen Fächern und weit über unser heutiges Thema hinaus zu solchen theoretisch fundierten Überblicken zu verhelfen. Den Studenten ist zu empfehlen, sich auf solche Überblicke einzulassen und nicht vorschnell nach rezeptartig verwertbarem Praxisbezug zu rufen. Denn nur mit einer Sache, die man gut kennt, kann man in der Praxis erfolgreich umgehen.

Meine Zeit ist abgelaufen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Herunterladbar als PDF-Datei.



L
eserbrief in der “Oldenburgischen Volkszeitung”, 1998-Jul-20

Richtig und falsch

Wie so oft in der Berichterstattung und der Kommentierung der Rechtschreibreform mischt sich in der OV (und nicht nur in dieser Zeitung) Richtiges mit Unrichtigem. Auf der Sonderseite, die anerkennenswerterweise am 15. Juli, dem Tag nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, erschien, enthält das plakativ eingerückte Tafelfoto, anders, als suggeriert wird, nicht nur Neuschreibungen: „Pappplakat“ musste schon immer mit drei „p“ geschrieben werden (wegen des Konsonantenbuchstaben „l“ hinter dem Anfangsbuchstaben von „Plakat“); „Majonäse“ ist schon seit den 60er-Jahren zulässige Duden-Variante zur vornehmeren „Mayonnaise“. Dass „Bestellliste“ mit drei „l“ für unzulässig erklärt wurde, entspricht im Übrigen nicht den Regeln von 1901, nach denen wir bislang zu schreiben hatten. Dort heißt es vielmehr (§ 14, Anm.), dass es in „Zusammensetzungen, in denen derselbe Mitlaut dreimal hintereinander zu schreiben wäre, ... zulässig ist, ihn nur zweimal zu setzen“: zulässig, nicht geboten. Die viel gehörte und in der OV wiederholte Behauptung, die Reform reduziere die Zahl der Rechtschreibregeln von 212 auf 112 ist, schlicht gesagt, Unsinn. Dahinter steckt die oberflächliche Beobachtung, dass sich im bislang gültigen Rechtschreibduden von 1991 (20. Auflage) auf den Seiten 17 bis 64 unter der Überschrift „Richtlinien zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und Formenlehre in alphabetischer Reihenfolge“ 212 Kästchen mit Anweisungen diverser Art, die im nachfolgenden Text jeweils auch wieder modifiziert werden können, finden. Sie sind von „R 1“ bis „R 212“ durchnummeriert; „R“ steht aber nicht für „Regel“, sondern für „Richtlinie“. Neben Rechtschreibregulierungen finden sich dort, wie auch die Überschrift besagt, Ausführungen, die mit der Rechtschreibung nichts zu tun haben, etwa zum Fugenzeichen (R 54). Dass die Zahl der Rechtschreibregeln sich nunmehr auf 112 reduziert haben soll, beruht auf einer vergleichbaren Fehldeutung: Die Zahl der Paragraphen in der neuen amtlichen Regelung beträgt 112, die Zahl der Regeln ist viel größer (man denke nur an den berüchtigten § 34 zur Getrennt- und Zusammenschreibung von Verben, mit seinen Regeln, Unterregeln und Einzelfallfestlegungen). Ähnliches gilt auch für die angebliche Reduzierung der Zahl der Kommaregeln: Aus 52 sollen 9 geworden sein. Der zu Grunde liegende Sachverhalt scheint der folgende zu sein: In noch früheren Auflagen des Rechtschreibdudens, letztmals in der 17. von 1973, gab es die Richtlinien R 11 bis R 63 zum „Beistrich (Komma)“. Bei großzügiger Zählweise sind dies 52 „Regeln“. In der neuen amtlichen Regelung sind es 9 Paragraphen (71 bis 79), die sich mit der Kommasetzung beschäftigen.

Es ist betrüblich festzustellen, in welchem Maße Desinformationen über die Rechtschreibung verbreitet werden, natürlich nicht nur in Zeitungen, sondern auch in den anderen Medien. Dies gilt mit großer Sicherheit in gleicher Weise für andere Gegenstände. Wäre es da nicht besser, man ließe das Zeitunglesen und informierte sich gleich beim Experten?

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität Vechta



Leserbrief in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, 1998-Aug-12

Auch für Reformgegner lukrativ

Neben mancher berechtigter Kritik an bestimmten Aspekten der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung versucht Professor Ickler („Die Reform hält auch den Einwänden ihrer Urheber stand“, F.A.Z. vom 24.7.1998), die Reform und Reformer in moralischen Misskredit zu bringen. So sieht er ökonomische Interessen als Antrieb für manchen Reformbeteiligten, der mit seinen Kenntnissen in orthographischen Publikationen Geld verdienen möchte. Was ist eigentlich gegen eine Vermarktung von Wissen aus Expertenhand einzuwenden? Bedenklicher erscheint dagegen - und das führt Ickler nicht an -, wenn Reformkritiker aus der Reform Kapital schlagen. So stellt der immer wieder gern (auch von Ickler) zitierte Fundamentalkritiker Professor Eisenberg („Die Reform gehört auf den Müll“) die Neuregelung in einem Werk, das in einem renommierten Schulbuchverlag erscheint und sich nicht schlecht verkaufen dürfte, als unproblematisch, wenn nicht gar gelungen dar: „Danach ist zu erwarten, dass die neue Orthografie sich schnell durchsetzt ... Von der Sache her dürfte die Umstellung keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten ... Die Reform ist insgesamt noch überschaubar“ (Peter Eisenberg: Die neue Rechtschreibung. Das Wichtige kurz und bündig. Mit praktischen Hinweisen für Lehrerinnen und Lehrer, 1996, seither zahlreiche Neudrucke, Seite 5). Ein anderer vehementer Kritiker der Reform, Professor Stetter, zeichnet in einem unter diversen Titeln im Verlag Naumann & Göbel (1996) und als Heyne-Taschenbuch (1997) erschienenen Wörterbuch, das „in vollem Umfang den neuen amtlichen Rechtschreibregeln und dem zukünftigen Schulgebrauch“ (Untertitel) entspricht, für die „Schlussredaktion“: „Sämtliche Einträge überprüft von Prof. Dr. Christian Stetter, RWTH Aachen“ (Umschlagrückseite des Heyne-Buches).

[Nicht abgedruckt: Mag man eine derartige Verwertung von Wissen und Renommee noch schulterzuckend hinnehmen, so ist doch die Grenze des Akzeptablen überschritten, wenn Wissenschaftler im Bestreben, auf dem boomenden Markt der Reform-Wörterbücher kräftig mitzuverdienen, auch vor dem Plagiat nicht zurückschrecken, wie es der Schreiber dieser Zeilen beim „Aldi-Wörterbuch“ zu erleiden hatte.]

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität Vechta



Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, um die es so viel Aufregung gegeben hat, wurde zum Schuljahresbeginn 1998 in Schulen und Ämtern (außer in Schleswig-Holstein) eingeführt. Auf Einladung des Katholischen Kaufmännischen Vereins Cloppenburg stellte Professor Dr. Wilfried Kürschner die Reform in ihren Grundzügen vor. In der Münsterländischen Tageszeitung vom 22. Oktober 1998 erschien dazu folgender Bericht, der hier mit Genehmigung der Redaktion leicht bearbeitet wiedergegeben wird:

Professor Dr. Wilfried Kürschner vor dem KKV zur Rechtschreibreform

Bald ohne Stress auf Panter-Jagd?

Ungewohnt, aber richtig. Stress mit »ss« anstatt mit »ß« und Panter ohne »h«, so verlangt es die am 1. August dieses Jahres eingeführte Rechtschreibreform im deutschen Sprachgebiet. Zwar bleiben die alten Regeln daneben noch bis zum Jahre 2005 anwendbar, dürften aber durch die neuen schon früher abgelöst werden. Mit Ausnahme des Bundeslandes Schleswig-Holstein fordern deutsche Schulen bei Anfängern für Diktate und Aufsätze das aktuelle Regelwerk. Zeitungen und Zeitschriften werden wahrscheinlich in 1999 folgen und dann für die nötige breite Akzeptanz der neuen Schreibweisen sorgen.

Professor Dr. Wilfried Kürschner von der Hochschule Vechta ging in einem Referat über Sinn und Unsinn der Rechtschreibreform dieses Thema praktisch und sehr kurzweilig an. Mitgliedern der KKV-Ortsgemeinschaft Cloppenburg legte er einen achtseitigen Übungsbogen vor, der in aller Kürze neue und bestehende Regeln gegenüberstellte. Mit amüsanten Erklärungen, Wortspielen und Begründungen hielt er das Interesse seiner Zuhörer wach, so daß zwei Stunden wie im Fluge vergingen.

Auf dem Übungsbogen waren zunächst alte und neue Orthografie (früher -graphie) verschiedener Wörter einzutragen, und nicht ohne Erstaunen gab es die Feststellung, daß sich Schifffracht heute und morgen mit drei »f« schreibt, die Schifffahrt jetzt drei »f«, früher nur zwei hatte. Der Panter und der Tunfisch, der Jogurt und die Spagetti verloren wegen ihrer Eßbarkeit das »h«. Dem »ß« bleibt künftig weniger Raum. Der Fluss entbehrt es ebenso wie der Kuss, aber am Fuß und Floß haftet es wegen des Langvokals, Stewardess und Delikatesswurst zeigen sich ebenso wie das oft Schwierigkeiten bereitende »dass« nun mit zwei »s« am Ende. Daß die gute alte Geldbörse jetzt ein Portmonee (früher Portemonnaie) geworden ist und man morgen Frikassee ebenso ißt wie heute, mag verwundern; nur noch beifällig nimmt man das zusätzlich »m« bei nummerieren und das weitere »e« beim Dekolletee hin.

Knifflig wird’s bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Das darf man nicht leicht nehmen (früher leichtnehmen) und dürfte manchmal schwer fallen (früher schwerfallen), wird jedoch von den Reformern großgeschrieben (früher: groß geschrieben). Heute kann man Rad fahren, Kopf stehen, Eis laufen oder Diät leben, vorher zeigten sich diese Begriffe klein und zusammengeschrieben. An eisig kalten Tagen ist ein dicht behaartes Fell wünschenswert, weniger allerdings, wenn man in einem Eisen verarbeitenden Betrieb tätig ist, dort ist es dann nicht mal herzerquickend. Letzteres schreibt man schon heute so, die anderen Begriffe kamen einst klein und zusammengeschrieben daher.

Zu Gunsten (neu) des Bindestrichs gibt es jetzt z. B. 17-Jährige, die Groß-/Kleinschreibung ändert sich, darf aber nicht außer Acht (früher acht) gelassen werden. Künftig ist es rechtens, jemanden an Kindes statt zu adoptieren (früher: Rechtens und Statt). Der Einzelne bleibt künftig immer groß, ebenso Groß und Klein, und man kann sich im Voraus bedanken, auch wenn dazu nicht das Geringste veranlaßt. Das Schwarze Brett verliert an Größe, der Heilige Vater nicht.

Der Abend läßt sich künftig nach dem »A« trennen, das Fenster nach dem »s«, das System nach »y« oder »s«, und der Februar nimmt es nach »e« und »b« hin. Das »ck« und »ß« finden keine Auflösung mehr.

Das Komma vor ganzen »und«-Sätzen kann entfallen, sollte jedoch bei der Datumsfixierung – zum Beispiel: Montag, den xten Y, ist Termin – erfolgen. Der Apostroph kommt am Wortende zu neuen Ehren, also ist Susi’s Imbiss immer richtig.

Jedes Neue erzeugt viel Skepsis und nach den Ausführungen von Prof. Kürschner tritt erschwerend hinzu, daß mit Einführung der Rechtschreibreform die seit 1955 geltende absolute Verbindlichkeit des Dudens aufgehoben wurde. Der Duden kann heute nur noch als maßgebend gelten. Die Reform, nach Ansicht der Professors nur ein kleiner Schritt, wird an der Sprachentwicklung gemessen und durch die nächste Neuerung einmal abgelöst werden.

Der KKV-Vorsitzende Franz Pruisken dankte für die hochinteressante Lehrstunde und stellte fest, daß seine Abneigung gegen das neue Regelwerk nun doch erheblich gemildert werden konnte.