Beiträge zur öffentlichen Debatte
2000


Leserbrief an den “Rheinischen Merkur”, 2000-Jan-07
Leserbrief im “Kurier” [Vechta], 2000-Aug-14
Leserbrief an die F.A.Z., 2000-Aug-10, Leserbrief in der F.A.Z., 2000-Sep-05
Leserbrief in der “Welt”, 2000-Sep-28
Leserbrief in “Forschung & Lehre” (Hrsg. Deutscher Hochschulverband), 2000-Nov


Leserbrief an den “Rheinischen Merkur”, 2000-Jan-07 – nicht veröffentlicht

Zu den Mythen in der Berichterstattung über die Rechtschreibreform gehört die Behauptung von der Reduzierung der Zahl der Rechtschreibregeln von 212 auf 112 und der der Kommaregeln von 52 auf neun (Rheinischer Merkur 1/2000, 7. Januar 2000, S. 2). Dahinter steckt offenbar die Beobachtung, dass sich im (alten) Rechtschreibduden »Richtlinien zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und Formenlehre in alphabetischer Reihenfolge« finden, die in 212 Abschnitte aufgeteilt sind. Die Zahl der Paragrafen der neuen amtlichen Regelung beträgt dagegen 112. Beides mit der Zahl der dort enthaltenen Rechtschreibregeln gleichzusetzen ist unzulässig. Ähnliches gilt auch für die angebliche Reduzierung der Zahl der Kommaregeln: Aus 52 sollen 9 geworden sein. Der zugrunde liegende Sachverhalt: In noch früheren Auflagen des Rechtschreibdudens, letztmals in der 17. von 1973, gab es die Richtlinien R 11 bis R 63 zum »Beistrich (Komma)«. Bei großzügiger Zählweise sind dies 52 »Regeln«. In der neuen amtlichen Regelung sind es 9 Paragrafen (71 bis 79), die sich mit der Kommasetzung beschäftigen. Über die Zahl der Kommasetzungsregeln ist damit aber nichts gesagt.



Leserbrief im “Kurier” [Vechta], 2000-Aug-14

Die Diskussion um die Rechtschreibreform dauert gut sechs Jahre. In dieser Zeit hat sich in den Zeitungen und in anderen Medien ein Irrtums-Mittelwert von ungefähr 0,6 herausgebildet: Etwa zwei Drittel aller Behauptungen in dieser Angelegenheit sind falsch. So auch bei den Beispielen am Anfang des Artikels »Wenn alte Herren partout nicht umlernen wolle« (»Kurier« vom 10. August 2000). Dort wird behauptet, dass nach der Rückkehr der F.A.Z. zur alten Schreibung (mit der Duden-Ausgabe 1991 als Leitschnur) die Schreibungen »Majonäse«, »Pappplakat« und »Stängel« dort als falsch gelten müssten. Dies trifft nur für (alt) »Stengel« zu. Majonäse war schon 1991 (und früher) als »eindeutschende Schreibung« für »Mayonnaise« zulässig und »Pappplakat« war (und ist) die einzig richtige Schreibung. Mit zwei »p« wäre gemäß Duden 1991 eine Zusammenschreibung wie »Papposter« (»Pappe« + »Poster«) zu schreiben gewesen – übrigens im Gegensatz zu den Regeln von 1901, auf denen die »alte«, die F.A.Z.-Rechtschreibung beruht.

Wie heillos uninformiert über die Orthografie des Deutschen und ihre Reform diskutiert wird, zeigt, dass sie nicht in die Hände von Journalisten und Politikern fallen darf.

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta



Leserbriefe an die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, 2000-Aug/Sep

Am 1. August 2000 kehrte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” zur alten Orthografie zurück. Etwa gleichzeitig erschienen eine neue Auflage des Rechtschreibdudens sowie ein Rechtschreibwörterbuch von Theodor Ickler. Aus diesem Anlass richtete ich zwei Leserbriefe an die F.A.Z., von denen der erste gar nicht, der zweite um einen Absatz verkürzt abgedruckt wurde. In der Zeitschrift “tribüne” wurden beide Texte (in reformierter Orthografie) abgedruckt. (Zu Icklers Wörterbuch habe ich einen Aufsatz verfasst, der hier als PDF-Datei gelesen oder heruntergeladen werden kann.)

Von der F.A.Z. nicht abgedruckte Leserbriefe
In: tribüne. zeitschrift für sprache und schreibung 4/2000, S. 14–16

[Vorbemerkung: Die an die F.A.Z. gerichteten Texte waren in alter Orthografie gehalten und wurden für den Abdruck in der »tribüne« auf die neue Orthografie umgestellt. Der hier als »Leserbrief 1« bezeichnete Text wurde von der F.A.Z. nicht abgedruckt, der »Leserbrief 2« nur gekürzt. Er wird hier komplett wiedergegeben; in spitzen Klammern stehen die in der F.A.Z. weggelassenen Teile.]

Leserbrief 1
(August 2000)

In seinem Artikel »Viel versprechend, aber nicht vielversprechend« (F.A.Z., 10. August 2000) liefert Kurt Reumann die inhaltlich-materiellen Begründungen für die Entscheidung der F.A.Z., zur alten (F.A.Z.-Sprachregelung: zur »bewährten«) Orthografie auf der Grundlage der 1991 erschienenen 20. Auflage des Rechtschreibdudens zurückzukehren. Nach all den bloß emotionalen, kaum von Sachkenntnis zeugenden, beispielarmen Artikeln und vor allem Leserbriefen ist dies endlich eine Veröffentlichung, mit der sich die inhaltliche Auseinandersetzung lohnt.

Neben einzelnen Wortschreibungen wie »Bändel«, »Ständelwurz/Stendelwurz«, »Quäntchen«, »Tollpatsch« usw. sowie die »ss/ß«-Regelung betrifft Reumanns Kritik an der Neuregelung im Wesentlichen fünf Felder: Trennung nach Sprechsilben, Kommasetzung, Fremdwortschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Groß- und Kleinschreibung.

Was die für ihn »anstößige« Trennung nach Sprechsilben angeht, macht Reumann nicht deutlich, dass die vorgestellten Fälle einer Kann-Regelung unterliegen, man also nicht »ei-nander«, »vol-lenden«, »A-bort« trennen muss. Die neuen Trennmöglichkeiten berücksichtigen die Lautung dieser Wörter, die die Stammstruktur überlagern. Der Vergleich von »einarmig« und »einander« lässt dies hörbar werden: Im ersten Fall liegt die Silbengrenze zwischen »n« und »a« (dem »a« geht der so genannte Knacklaut voran), bei »einander« liegt die Grenze vor dem »n« (ohne Knacklaut vor dem »a«).

Auch bei den neuen Kommaregeln vermerkt Reumann nicht, dass es sich fast durchgängig um Kann-Bestimmungen handelt, und er ist sich nicht zu schade, die Propagandaformel zu wiederholen, dass die Interpunktion nach der Reform »weitgehend dem Belieben freigestellt« worden sei. Dies trifft, wenn überhaupt und dann auch nur eingeschränkt, auf Infinitiv-, Partizipial- und vergleichbare Konstruktionen zu.

Das Beispiel »Fotografie« für die missliebige neue Eindeutschung von Fremdwörtern ist nicht gut gewählt – die »f«-Schreibung findet sich als Möglichkeit schon im Duden 1991 (und lange vorher).

Im Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung, dessen »einseitige Verregelung« Reumann »am ärgerlichsten« empfindet, macht er zu Recht auf einen der auffälligsten Schwachpunkte der Reform aufmerksam, wenn er als Faustregel zitiert: Zusammensetzungen werden zusammengeschrieben, Wortgruppen getrennt. An keiner Stelle wird in der amtlichen Regelung geklärt, was eine Zusammensetzung und was eine Wortgruppe ist, vielmehr ergibt sich eine Art Zirkel. Dennoch ist Reumanns Polemik, durch die vermehrten Getrenntschreibungen würde der deutsche Wortschatz dezimiert, mit Vorsicht zu betrachten. Am Beispiel der Neuschreibung »schwer fallen« (im Sinne von »Mühe machen«) möchte er zeigen, dass durch den Zusammenfall mit »schwer fallen« ein Bedeutungsunterschied eingeebnet wird. Dabei ist aber zu bedenken, dass diese Einebnung schon immer dann geschieht, wenn das Verb im Satz vor dem Adjektiv steht (»XY fällt schwer«) – der Zusammenhang sorgt hier für Klarheit und schafft dies auch bei »schwer fällt, schwer fiel, schwer gefallen« usw. Reumann berücksichtigt zweitens nicht, dass »schwerfallen« auch vor der Reform unter bestimmten Umständen getrennt zu schreiben war. In dem für die F.A.Z. nun wieder gültigen Duden 1991 wird »Getrenntschreibung in Verbindung mit einem Gradadverb u. bei Steigerung« vorgeschrieben: »diese Aufgabe ist ihr nicht so schwer gefallen; da es ihr von Tag zu Tag schwerer fällt«. Genau diese alte Regel wurde von der Reform aufgegriffen und generalisiert – also keine dumm-revolutionäre Laune, sondern Weiterentwicklung des in der bisherigen Rechtschreibung Angelegten. Dasselbe gilt für Reumanns Beispiele (in alter Rechtschreibung) »hochgestellte, sehr hoch gestellte Persönlichkeiten« »frischgebackene, ganz frisch gebackene Ehepaare« usw. (R 209 im Duden 1991).

Auch die Ausführungen zur Groß- und Kleinschreibung sind mit Vorsicht zu lesen: »Alles, was nach Substantiv riecht«, sei jetzt großzuschreiben (nach alter, »bewährter«, aber von Reumann hier nicht befolgter Rechtschreibung: groß zu schreiben): »Darauf müssen die armen Schüler jetzt ›Acht geben‹.« So war aber schon im Duden 1991 zu schreiben, und zwar in der Fügung »auf etwas größte Acht geben«. Jetzt wird beide Mal gleich geschrieben. In Bezug auf das immer wieder herangezogene Beispiel »Auto fahren – radfahren« behauptet Reumann, nach dem Alt-Duden sei »ich fahre Auto«, aber »ich fahre rad« zu schreiben gewesen, ein Stein des Anstoßes, den die Duden-Redaktion womöglich deshalb nicht entfernt habe, um »die Reform-Diskussion mit solchen Provokationen am Köcheln zu halten«. Ein Blick in den Duden 1991 macht diese Verschwörungsthese noch wahrscheinlicher, denn die Konfusion war (seit Anfang der 50er-Jahre) noch umfassender: Ich fahre nämlich Rad wie Auto, bin aber »Auto gefahren und radgefahren«.

Insgesamt ist festzustellen, dass das Feld der Getrennt- und Zusammenschreibung in Verbindung mit der Groß- und Kleinschreibung vor der Reform steiniger war, als es nach der Reform ist. Dies dürften sich die meisten der Bewahrer nicht klar gemacht haben. Wer könnte denn auf Anhieb die »bewährten« Schreibungen der folgenden Fügungen nennen: »Not tun, Not leiden, Leid tun, Diät halten, Diät leben; Kopf stehen, Schlange stehen; wohl tun, sich wohl fühlen; leicht nehmen, leichter nehmen, leicht genommen; ernst nehmen, ernster nehmen, ernst genommen; gut gehen, besser gehen, gut gegangen; zurande/zu Rande kommen, imstande/im Stande sein, infrage/in Frage stellen; aufgrund/auf Grund, mithilfe/mit Hilfe, aufseiten/auf Seiten, zuungunsten/zu Ungunsten; währenddessen, stattdessen«?

Eine genauere Betrachtung von Reumanns Argumenten macht deutlich, dass sie zu einem großen Teil nicht stichhaltig sind, dass sie die der Reform jeweils zugrunde gelegten Überlegungen nicht aufgreifen und dass sie leider auch nicht auf umfassender Kenntnis der alten, »bewährten« Rechtschreibung und der Orthografietheorie gründen. Dass auf einer solch schwachen Grundlage derart gravierende Konsequenzen wie die Abwendung von der Schulorthografie gezogen wurden, ist wohl nur damit zu begründen, dass die Rechtschreibung derzeit noch das einzige Feld ist, auf dem man, ohne in den Verdacht politischer Inkorrektheit zu geraten, nach Herzenslust konservativ sein darf.

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Universität in Vechta

 

Leserbrief 2
(August 2000)

Anläßlich des Erscheinens des neuen Rechtschreibdudens beklagt Heike Schmoll ein »Rechtschreibchaos« (F.A.Z. vom 26. August 2000): »Das Chaos vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung ist perfekt.« Als Belege nennt sie »kaum nachvollziehbare Schreibungen« wie »wohlverdient«, aber »wohl versorgt«, das Nebeneinander von »hoch begabt« und »hochbegabt«, von »Schwindel erregenden« und »schwindelerregenden Höhen«. Nun sind alle diese scheinbaren Duden-Ungereimtheiten mit den Regeln der reformierten Rechtschreibung zu rechtfertigen – wenn man gewillt ist, sich auf sie einzulassen: In den beiden erstgenannten Fällen ist Steiger- bzw. Erweiterbarkeit des Erstgliedes (durch »sehr« u. ä.) Kriterium für Getrenntschreibung, im dritten Fall ist, vereinfacht gesagt, die Tatsache, daß die ganze Konstruktion steigerbar ist (»am schwindelerregendsten«), ausschlaggebend für die Möglichkeit der Zusammenschreibung.

Daß Schreibungen wie die zitierten plausibel sind, belegt auch das kurz vor dem Duden als Konkurrenzprodukt auf den Markt gebrachte <und von Heike Schmoll am 1. August in der F.A.Z. wohlwollend rezensierte »Rechtschreib-Wörterbuch«> von Theodor Ickler: Sie sind alle auch bei ihm, dem vielleicht prominentesten und streitbarsten, auf jeden Fall aber bestinformierten  Reformgegner, vorgesehen. Dies gilt ebenfalls für die in dem Artikel »Viel versprechend, aber nicht vielversprechend« von Kurt Reumann aus dem Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung angeführten Belege (F.A.Z. vom 10. August): Auch nach Ickler kann man »wiedersehen«, »schwerfallen«, »vielversprechend«, »bekanntmachen«, »kaltstellen«, »hochgestellt«, »vielversprechend« und sogar »frischgebacken« getrennt schreiben, so daß dann die Bedeutungsunterschiede zu »wieder sehen«, »schwer fallen« usw. eingeebnet werden. Genau dieser Verlust an Differenzierungsmöglichkeiten war, wie Reumann ausführt, der inhaltliche Hauptgrund für die Rückkehr der F.A.Z. zur alten Rechtschreibung. Ickler selbst spricht in dieser Angelegenheit allerdings mit gespaltener Zunge: In seiner Besprechung des neuen Rechtschreibdudens (F.A.Z. vom 11. August) bezeichnet er die Getrenntschreibung von »wiedersehen« als »Irrtum« und »Fehler«, läßt sie aber, wie gesagt, in seinem Wörterbuch ausdrücklich zu. Das verstehe, wer kann.

<Überhaupt hat der Gegenreformator Ickler zahlreiche Reformschreibungen in sein Wörterbuch übernommen. So ist zum Beispiel die Schreibung »selbstständig« für ihn in der Duden-Rezension »keine Schreibvariante zu ›selbständig‹, sondern ein anderes, jüngeres und ziemlich kakophones Wort« – in seinem eigenen zu der Zeit schon längst im Druck befindlichen Wörterbuch stehen die beiden als Schreibvarianten friedlich nebeneinander. Ebenso im Bereich der Buchstabenschreibung: (neu) »Schänke« neben (alt) »Schenke« (aber nur »Stengel« und »Stendelwurz«), (neu) »Business« neben (alt) »Busineß«, »Stewardess« neben »Stewardeß« (aber nur »Cleverneß« und nur »Wellness«); im Bereich Silbentrennung »Chi-rurg« neben »Chir-urg« (aber nur »Drama-turg«); im Bereich Groß- und Kleinschreibung: »auf dem Laufenden sein« neben »auf dem laufenden sein«, »auf dem Trockenen sitzen« neben »auf dem trockenen sitzen« (aber nur »im großen und ganzen«); im Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung zusätzlich zu den angeführten Beispielen: »sodaß« neben »so daß«, »stattdessen« neben »statt dessen«, »umso« neben »um so« (aber nur »zuungunsten«, »unterderhand«). In einigen Fällen läßt Ickler gar drei Varianten zu, z. B. (alt) »achtgeben«, (neu) »Acht geben«, (nur Ickler) »acht geben«, »genausogut/genauso gut/genau so gut«. So angenehm diese Freigabe für den Schreiber wäre, so sehr ist sie geeignet, die einheitliche Textgestalt für den Leser zu zerstören, also das vielbeschworene »Rechtschreibchaos« herbeizuführen bzw. zu vergrößern.

Insgesamt ist festzustellen, daß der Schritt der F.A.Z., zur alten oder, wie es sprachregelnd heißt, »bewährten« Rechtschreibung zurückzukehren, nicht auf einer ernstzunehmenden Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen sowohl der alten wie der neuen Rechtschreibung, sondern auf einer glorifizierenden Fehleinschätzung der alten Schreibung beruht. Dieser Vorgang ist auch sprachpolitisch nicht leichtzunehmen, sondern als Entfernung einer der zu Recht angesehensten Zeitungen Deutschlands von der Schulorthographie, wie sie die Jugend erlernt und immer mehr Erwachsene praktizieren, sehr ernst zu nehmen.>

Professor Dr. Wilfried Kürschner
Vechta



Leserbrief in der “Welt”, 2000-Sep-28

Auch der »Gegen-Duden« ist radikal reformerisch
Zu: »Die Demontage des Dudens«; WELT vom 15. September [2000]

In dem [Artikel] wird Theodor Icklers »Gegen-Duden« (Untertitel: »Sinnvoll schreiben, trennen, Zeichen setzen«) dafür gerühmt, dass in ihm die Zahl der Schreibvarianten gering gehalten sei. Das genaue Gegenteil ist jedoch der Fall.

Bei Tausenden von Wörtern sieht Ickler gleichberechtigte Varianten vor, gelegentlich sogar drei (z. B. »achtgeben, acht geben, Acht geben«, »genausogut, genauso gut, genau so gut«). Zum Teil sind diese Varianten Schreibungen, die im Zuge der Rechtschreibreform eingeführt worden sind, z. B. »selbstständig« neben (alt) »selbständig«, »Schänke« neben (alt) »Schenke«; »Stewardess« neben (alt) »Stewardeß« (aber nur »Cleverneß« und nur »Wellness«); »Chi-rurg« neben (alt) »Chir-urg«; »auf dem Laufenden sein«, »auf dem Trockenen sitzen« (auch im übertragenen Sinne großgeschrieben neben alter Kleinschreibung); »sodaß« neben (alt) »so daß«, »stattdessen« neben (alt) »statt dessen«, »umso« neben (alt) »um so« (aber nur »zuungunsten«, »unterderhand«).

Legion wird die Zahl der Varianten durch die weitgehende Freigabe der Getrennt- und Zusammenschreibung vor allem bei Verben und Partizipien. Nach Ickler kann man beispielsweise den Sekt wie den Gegner »kalt stellen«, auf dem Stuhl wie in der Schule »sitzen bleiben« und den Angeklagten »frei sprechen«. Natürlich ist es auch möglich, das Wort »wiedersehen« in derselben Bedeutung (»ein Wiedersehen feiern«) getrennt zu schreiben: »wieder sehen«. Und eine »wohldurchdachte« Reform muss von einer »wohl durchdachten« nicht unterschieden werden.

Vor allem Fälle wie die letztgenannten haben die Gegner der Rechtschreibreform auf die Barrikaden getrieben. Ickler gibt sich nach außen als ihr Verbündeter und Wortführer (so auch in der WELT, etwa vom 25. Juli 2000) – nach innen handelt er als Reformer, ja als Radikalreformer, dessen Schreibvorschläge das von den Reformgegnern so genannte »Rechtschreibchaos«, die so genannte »Beliebigkeitsschreibung« ins Unermessliche treiben würden, wenn sie denn zur Norm würden.



Leserbrief in “Forschung & Lehre”, Heft 11, 2000-Nov

»Wohl überlegt«?

Im ersten Heft der Rückwendung von »Forschung und Lehre« zur alten Rechtschreibung werden der neue Rechtschreibduden und das »Rechtschreibwörterbuch« von Theodor Ickler besprochen. So wie die Orthografieumstellung im Gleichschritt mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« erfolgt, so ist auch der Rezensent derselbe, der Icklers Buch zuvor bereits in der »F.A.Z.« besprochen hat: Horst Haider Munske, früher Rechtschreibreformer, jetzt wie Ickler Reformgegner, Erlanger Kollege des Autors. Dass sein Urteil zugunsten Icklers ausfällt, verwundert also nicht sehr.

Allerdings weist Munske auf eine Besonderheit von Icklers Werk nicht mit genügender Deutlichkeit hin. Für Tausende von Wörtern lässt es bis zu drei Schreibvarianten zu (z. B. »achtgeben, acht geben, Acht geben; genausogut, genauso gut, genau so gut«). Das mag dem Schreiber zupass kommen, doch ist diese Liberalität (die Ickler mit dem bisherigen Schreibbrauch, wie er ihn ermittelt haben will, begründet) geeignet, genau das in gewissen Zeitungen diagnostizierte Rechtschreibchaos herbeizuführen oder zu vergrößern. Was die vom Hochschulverbandspräsidium besonders beklagte »›Abschaffung der so genannten Unterscheidungsschreibungen (z. B. wieder sehen/wiedersehen)‹« durch die Reform angeht (»Forschung & Lehre« 9/2000, S. 450), lässt Ickler dies ausdrücklich zu: Man kann »wiedersehen« in der Bedeutung »ein Wiedersehen feiern« sowohl zusammen als auch getrennt schreiben. Wenn Fälle wie dieser und gleich gelagerte wie »miesmachen – mies machen« (bei Ickler ebenfalls gleichbedeutend) Anlass genug waren, von der gegenwärtigen deutschen Schul- und Amtsorthografie abzugehen, muss man fragen, ob der Beschluss des Herausgebers von »Forschung & Lehre«, des Präsidiums des Hochschulverbandes, wohl überlegt war.

Professor Dr. Wilfried Kürschner,
Universität in Vechta