“Oldenburgische Volkszeitung”, 1996-Sep-12

Welches Wörterbuch – Bertelsmann oder Duden?

Von Wilfried Kürschner



In diesen Tagen wird nicht nur den Lesern der Oldenburgischen Volkszeitung in Sachen Rechtschreibung einiges abverlangt. Wer sich schon jetzt, knapp zwei Jahre vor dem "offiziellen" In-Kraft-Treten der Reform, mit einem orthographischen Wörterbuch ausrüsten möchte - und das sollten Eltern und Schüler in Niedersachsen tun, wo die Neuregelung bereits Einzug in die Schulen hält -, wird von zwei Großverlagen heftig umworben. Zum einen vom Dudenverlag, der für seinen am 22. August erschienenen Reformduden mit dem Slogan "Nur der DUDEN ist der DUDEN" wirbt, zum anderen vom Bertelsmann Lexikon Verlag. Dieser brachte sein Werk "Die neue deutsche Rechtschreibung" (früher "Knaurs Rechtschreibung") schon drei Tage nach dem endgültigen Reformbeschluss am 1. Juli auf den Markt und wirbt unter dem Motto "Wenn schon neue deutsche Rechtschreibung, dann wenigstens günstig!". Gemeint ist der Preis: Das Bertelsmann-Wörterbuch kostet 19,90 Mark, der Duden fast das Doppelte, nämlich 38 Mark. (Vergleichbar sind auch die Preise für die jeweiligen CD-ROM-Versionen: 39,90 Mark bei Bertelsmann, 78 Mark beim Duden.)

Bertelsmann fordert den Anzeigenleser auf: "Vergleichen Sie - wir dürfen es nicht". Wir haben es getan.

Gegenstand des Vergleichs ist allein der Reformwortschatz, also Wörter, deren Schreibungen aufgrund der Reform Änderungen erfahren. Damit bleiben Fragen wie die nach der Zahl und Art der Wörter, die insgesamt aufgenommen sind, und die nach den Informationen, die das jeweilige Wörterbuch über die reinen Angaben zur Schreibung hinaus enthält, unberücksichtigt.

Bezugsgröße für die Untersuchung des Reformwortschatzes in den beiden Wörterbüchern ist das amtliche Regelwerk ("Deutsche Rechtschreibung: Regeln und Wörterverzeichnis. Text der amtlichen Regelung", Tübingen: Narr, 1996). Die dort im Regelteil, vor allem aber im Wörterverzeichnis getroffenen Festlegungen sollten sich in den Wörterbüchern wiederfinden. Ob dies der Fall ist und wie die Realisierung ausfällt, wird im Folgenden dargestellt.

1. Vollständigkeit der Erfassung des Reformwortschatzes

Es ist keine große Mühe das amtliche Wörterverzeichnis durchzusehen und das Augenmerk auf die Wörter zu richten, die mit einem Sternchen versehen und auf diese Weise als Neuschreibungen hervorgehoben sind. Dabei ergibt sich, dass Bertelsmann bei einer ganzen Anzahl von solchen Einheiten versagt. Zum einen sind Wörter gar nicht aufgenommen, zum anderen sind die betreffenden Wörter zwar vorhanden, nicht aber in der neuen Schreibung. Zu den völlig fehlenden Wörtern gehören die Neuschreibungen Ständel/Ständelwurz sowie die gleichberechtigt daneben stehenden Altschreibungen Stendel bzw. Stendelwurz (eine Orchideengattung; Knabenkraut).

Bei den Wörtern, deren Neuschreibung fehlt, sind zwei Gruppen zu unterscheiden: solche, die nur noch in der Neuschreibung korrekt sind, und solche, bei denen die Neuschreibung neben die Altschreibung tritt. Im Wörterbuch von Bertelsmann gehören zur ersten Gruppe Einheiten wie die folgenden (in Klammern jeweils die im Wörterbuch zu findenden überholten Altschreibungen): Alma Mater (statt: Alma mater), an Kindes Statt (statt: an Kindes statt), Grimmsch (statt: grimmsch bzw. Grimm'sch), wieder sehen (statt: wiedersehen), so genannt (statt: sogenannt), glatt hobeln (statt: glatthobeln).

Zur zweiten Gruppe (bei der zu einer weiterhin gültigen Altschreibung eine bei Bertelsmann nicht verzeichnete Neuschreibung tritt) gehören die folgenden: pretiös (zusätzlich neben preziös), Matrices (zusätzlich neben der ebenfalls fehlenden Form Matrizes ). - Alle diese Fälle sind im Duden in Übereinstimmung mit dem amtlichen Regelwerk erfasst.

2. Variantenschreibung

Wie schon in der bisher gültigen Rechtschreibung sind auch in Zukunft bei manchen Wörtern zwei (in Ausnahmefällen auch mehr) Schreibungen möglich. Diese können gleichberechtigt nebeneinander stehen (wie z. B. aufwendig und aufwändig) oder aber eine der Schreibungen wird zur Hauptform erklärt, die andere zur Nebenform. Generell verfährt Bertelsmann in diesem Punkt schon dadurch deutlicher, dass die Hauptform mit dem Zusatz "Hv." (Hauptvariante) und die Nebenform mit "Nv." (Nebenvariante) gekennzeichnet wird. Im Duden erkennt man, ohne dass dies aber explizit erläutert wird, die Nebenform daran, dass bei ihr hinter dem Ausdruck "vgl." (vergleiche) die Hauptform genannt und auf sie verwiesen wird (bei ihr sind gegebenenfalls auch weitere Informationen über das Wort aufgeführt). Im Anschluss an die Hauptform wird entsprechend nach einem "auch" die Nebenform genannt, die außerdem an der ihr zukommenden Alphabetstelle eingeordnet ist.

Beide Wörterbücher halten sich allerdings nicht in allen Fällen an die amtliche Regelung. So werden bei Bertelsmann die amtlich gleichberechtigten Formen aufwändig und aufwendig in Hauptvariante (aufwändig) und Nebenvariante (aufwendig) unterschieden (jedenfalls im Stichwortnest aufwenden; im Nest Aufwand stehen beide gleichberechtigt nebeneinander). Der Duden verfährt der amtlichen Regelung entsprechend und notiert nach aufwändig: "auch: aufwendig" und nach aufwendig: "auch aufwändig ". Leider verfährt er aber nicht gleichmäßig: Bei dem ebenfalls gleichberechtigten Paar Schänke/Schenke heißt es: "Schänke vgl. Schenke" und "Schenke, auch Schänke ". So auch im Falle von selbständig ("vgl. selbstständig") und selbstständig ("auch selbständig"). Dies deutet darauf hin, dass der Duden Schenke bzw. selbstständig als Haupt-, Schänke und selbständig als Nebenform gedeutet sehen möchte. - Im Duden sind alte und neue Formen jeweils an den ihnen zustehenden Alphabetplätzen aufgeführt. Bei Bertelsmann fehlt aber selbstständig an seinem alphabetischen Platz zwischen Selbstsicherheit und Selbststeuerung; dass diese Form neu zulässig ist, erfährt der Leser lediglich beim zwei Spalten entfernt stehenden Eintrag selbständig ("auch: selbstständig"), der allerdings von einem rot umrandeten Kasten, in dem der Sachverhalt genau dargestellt ist, begleitet wird. Insgesamt sind diese in Kästen hervorgehobenen Orientierungshilfen positiv zu werten.

Wenn die amtliche Regelung bei einem Wort eine der Formen als Haupt-, die andere als Nebenvariante ausweist, hält sich Bertelsmann im allgemeinen an diese Vorgaben. Nicht so der Duden: Zum Beispiel wird von der mit dem Zusatz "eindeutschend" versehenen Form Pappmaschee (der amtlichen Hauptform) durch "vgl." auf Pappmaché verwiesen, wodurch letztere Schreibung im Widerspruch zur amtlichen Regelung zur Hauptform erklärt wird. So wird ebenfalls bei Portmonee, der amtlichen Hauptform, und Portemonnaie, der amtlichen Neben-, aber der Duden-Hauptform, verfahren. Auch hier findet der Zusatz "eindeutschend" Verwendung, dessen Status bei Duden (wie auch bei Bertelsmann) unklar ist. So ist zum Beispiel laut amtlicher Regelung Exposee die Hauptform, Exposé die Nebenform. Im Duden erfährt man darüber nichts Explizites. Dort heißt es: "Exposé , eindeutschend Exposee"; genauso bei "Bravour, eindeutschend Bravur", nur dass in diesem Fall Bravour die amtliche Haupt- und Bravur die amtliche Nebenform ist. Hier ist für Auslegungsstreit gesorgt. Bertelsmann verfährt in den beiden Fällen übrigens regelungskonform, allerdings nicht mit einheitlicher Kennzeichnung. Bei Exposee/Exposé kommen die Zusätze "Hv." und "Nv." zum Einsatz, im anderen Fall heißt es dagegen "Bravour auch: Bravur".

Einen Spezialfall der Variantenschreibung stellt die Neuregelung der Worttrennung am Zeilenende (= Silbentrennung) bei solchen Wörtern dar, die sprachhistorisch oder von der Herkunftssprache her gesehen Zusammensetzungen sind, aber nicht mehr als solche empfunden oder erkannt werden (z. B. warum, hinauf, Abitur, Interesse). Sie können jetzt wie einheimische Wörter der Gegenwartssprache getrennt werden (wa-rum, hin-auf, A-bi-tur, In-te-res-se) oder wie bisher (war-um, hi-nauf, Ab-itur, In-ter-es-se) . Bertelsmann vermerkt getreulich die alte wie die neue Trennweise. Im Duden dagegen wird jeweils nur die neue Trennung aufgeführt und durch einen Vermerk auf einen Abschnitt in den Richtlinien am Anfang des Buches hingewiesen, in dem man erfährt, dass weiterhin auch alte Trennungen gestattet sind. Welche dies im Einzelfall ist, wird jedoch nicht angegeben (man vergleiche etwa Diphtherie und Diphthong). Will der Dudenverlag damit etwa den Weiterverkauf der Vorgängerausgabe sichern, in dem all dies verzeichnet ist? Oder den Absatz der CD-ROM-Version befördern, die die beiden Dudenausgaben, den neuen Reformduden und den Vorgänger, enthält?

3. Angabe der alten und Kennzeichnung der neuen Schreibung

Wenn es zu Schreibänderungen kommt (dies ist ja nur in vergleichsweise wenigen Wörtern und Formen der Fall), sind die Neuschreibungen genau genommen erst ab dem 1. August 1998 verbindlich gültig (in Schulen und Behörden); umgekehrt sind nicht mehr vorgesehene Altschreibungen bis zum 31. Juli 2005 noch nicht falsch, sondern nur überholt. Es ist daher nötig, generell auch die Altschreibungen zu verzeichnen.

In diesem Punkt hat sich Bertelsmann viel vorgenommen. Bei Änderungen soll prinzipiell vor einem roten Dreieckssymbol die alte Schreibung vermerkt, hinter dem Symbol die neue oder zusätzliche Schreibung angegeben werden. Leider unterbleibt dies aber allzu häufig. So wünschte man sich oft bei der Neuschreibung einen Rückverweis auf die Altschreibung (z. B. bei Wechte oder Gämse ), zumal die Neuschreibungen selber im Druck durchgängig nicht hervorgehoben werden.

Der Duden verfährt in dieser Hinsicht klarer. Neu geschriebene Wörter werden durch Druck in roten Buchstaben hervorgehoben, und zwar sowohl bei Verweisen als auch an ihrem Alphabetplatz (bei der Neuschreibung Schikoree ist dies allerdings nicht geschehen, wohl aber beim Verweis an der Hauptform Chicorée). Überholte Altschreibungen vermerkt der Duden nur zu einem Teil, aber keineswegs durchgängig. Er verzichtet vor allem dann darauf, wenn die nunmehr allein gültige Neuschreibung aufgrund einer generellen Regel zu Stande kommt. Zum Beispiel führt die Ersetzung von ß durch ss nach einem kurzen Vokal wie in Fluss oder Ross nur zur Rötung dieser Wörter, aber nicht (wie bei Bertelsmann) zur Angabe der Altschreibungen Fluß bzw. Roß. Der Leser kann daraus die alte Form erschließen (vielleicht wäre es günstiger gewesen, nur die beiden Buchstaben ss rot zu drucken und nicht das gesamte Wort - so wie etwa nur st und der dazwischen stehende Trennstrich in Kiste usw. rot und der Rest normal schwarz gedruckt wird). Im Ganzen aber fallen die Neuerungen im Duden wesentlich kräftiger ins Auge als bei Bertelsmann. Dessen Verzicht auf Wort-Rotdruck hat außerdem zur Folge, dass manche Neuschreibungen nicht an Ort und Stelle als solche erkennbar sind, z. B. zurzeit, im Voraus (unter v).

4. Gesamtwürdigung

Unser Vergleich bezieht sich, wie eingangs vermerkt, ausschließlich auf die Wörterverzeichnisse der beiden Rechtschreibbücher. Auch die Schlusswürdigung nimmt nur diesen Bereich in den Blick.

"Die neue deutsche Rechtschreibung" von Bertelsmann gibt sich noch in mancher Hinsicht als Schnellschuss zu erkennen. Dazu tragen neben den genannten Negativpunkten - die gravierendsten liegen meines Erachtens in den unter Punkt 1 genannten Schwachstellen - Kleinigkeiten wie die bei, dass die Schreibung der, die, das Einzelne unter dem Stichwort einzig behandelt wird. Aber auch dem Duden hätte man eine etwas längere Bearbeitungszeit gegönnt. So sind etwa die Querverweise nicht in allen Fällen konsequent vorgenommen worden. Zum Beispiel wird von Saxophon nicht auf Saxofon verwiesen (was verschmerzbar ist, da beide Einträge beieinander stehen) und von Fotografie (der amtlichen Hauptform) nicht auf Photographie (die Nebenform), sehr wohl aber von Fotosatz auf Photosatz. Doch sind dies relativ harmlose Beanstandungen.

Nimmt man alles in allem, kann zum alleinigen Gebrauch der Bertelsmann-Rechtschreibung noch nicht geraten werden - vielleicht wird sie nach gründlicher Überarbeitung eine echte Konkurrenz zum noch immer solideren Duden. Im Moment ist Bertelsmann vielleicht preis-günstig, aber angesichts des Gebotenen noch nicht preis-wert.

Nachbemerkung: Erstaunlicherweise stimmen die CD-ROM-Fassung und die Buchfassung des Dudens nicht in allen Einzelheiten überein. Beispielsweise ist unter Tschardasch auf der CD-ROM vermerkt, es handle sich um eine "frühere Schreibung für Csárdás ", während im Buch von einer früheren "Eindeutschung" dieses Wortes die Rede ist. Dies mag hinnehmbar sein. Zu Sinnunterschieden kommt es jedoch unter dem Stichwort Schofför . Im Buch erfährt man, es handle sich um die "frühere Eindeutschung für Chauffeur" (demnach ist, in Übereinstimmung mit der amtlichen Regelung, die Schreibung Schofför nicht mehr vorgesehen). Auf der CD-ROM ist hingegen gespeichert: "eindeutschend für Chauffeur" (also weiterhin zulässig wie z. B. Polonäse neben Polonaise ). Der Gebrauch der CD-ROM kann also nicht uneingeschränkt empfohlen werden.

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