“Oldenburgische Volkszeitung”, 1996-Aug-10

“Kleine Reform der Vernunft”

Von Wilfried Kürschner



Eher als erwartet und ursprünglich vorgesehen wird es mit der Rechtschreibreform ernst. Die neue deutsche Rechtschreibung ist seit Schuljahresbeginn zumindest in den ersten Klassen der Grundschulen Niedersachsens und anderer Länder gültig. Nach und nach wird sie in allen Schulstufen gelehrt. Bis 2005 gelten die bisherige und die neue Regelung parallel (nicht reformkonforme Schreibungen sind allerdings als überholt zu kennzeichnen), danach läuft die alte Regelung aus. Die Reform gilt zwar rechtlich gesehen nur in dem vom Staat bestimmbaren Bereich, also vor allem für Schulen und Ämter, sie wird sich aber recht bald in den übrigen Schrifterzeugnissen durchsetzen.

Ein Jahrhundertwerk ist die Neuregelung gewiss nicht, wenn auch fast hundert Jahre seit der letzten amtlichen Festlegung vergangen sind. Schon damals, 1901/02, war man nicht mit allen getroffenen Entscheidungen zufrieden und in der Zwischenzeit sind zusätzliche orthografische Teilbereiche geregelt sowie die Schreibweisen neuer Wörter festgelegt worden. Dies war vor allem ein Werk der Redaktion des Rechtschreibdudens, also nicht eines staatlichen Gremiums. Jetzt hat der Staat erneut seine Regelungskompetenz genutzt und zusammen mit den übrigen deutschsprachigen Ländern das neue Regelwerk beschlossen. Seine künftige Weiterentwicklung ist Aufgabe einer zwischenstaatlichen Kommission.

Über die Neuregelung ist in den vergangenen zwei Jahren in den Zeitungen ausführlich zu lesen gewesen. Leider war den berichtenden und kommentierenden Journalisten allzu häufig eine nur geringe Sachkenntnis zu bescheinigen (wie auch manchen Politikern, die sich öffentlich äußerten). Daher schwanken die Meinungen über das tatsächliche Ausmaß der Reform. Manche glauben, nun werde die deutsche Rechtschreibung völlig umgestaltet, während andere von einem "Reförmchen" sprechen, das den Aufwand und die Folgekosten eigentlich gar nicht lohne.

Der vorliegende Gastkommentar ist in der neuen Rechtschreibung verfasst. Man wird feststellen, dass die Änderungen gegenüber der alten Rechtschreibung gering sind. Am auffälligsten ist wahrscheinlich die gelegentliche Ersetzung des Buchstabens "ß" durch die Buchstabenkombination "ss", etwa in den zwei vorangehenden Sätzen. Bisher war beispielsweise zwischen "Fluß" und "Flüsse" einerseits, "Fuß" und "Füße" andererseits zu unterscheiden und "Floß" und "floß" waren beide mit "ß" zu schreiben, obwohl die Aussprache unterschiedlich ist. Hier bringt die Neuregelung eine Erleichterung: "ß" wird nach langem Vokal geschrieben, "ss" nach kurzem Vokal: also "Fuß" und "Füße" (wie bisher); "Fluss" und "Flüsse"; "Floß", aber: "floss". Allerdings: Eine der Hauptfehlerquellen, nämlich die Unterscheidung der Konjunktion "daß" (neu: "dass") vom Artikel bzw. Pronomen "das", bleibt erhalten, wie auch das andere Hauptproblem, die Groß- und Kleinschreibung, von der Reform nicht grundsätzlich beseitigt wird: Der Übergang zur (gemäßigten) Kleinschreibung, von vielen Fachleuten befürwortet, war politisch nicht durchzusetzen. Stattdessen kommt es zu einer vermehrten Großschreibung.

Bei den Fremdwörtern kommt die vor kurzem noch heftig umstrittene eingedeutschte Schreibweise nur bei wenigen in Betracht und dann meist auch nur als zweite Möglichkeit neben der alten Schreibung (Hauptform: "Panther", Nebenform: "Panter"). Weder "Filosof" noch "Teater" oder "Apoteke" sind erlaubt.

Neu ist, dass zusammengesetzte Fremdwörter aus dem Englischen jetzt den deutschen Regeln entsprechend zu schreiben sind, also "Rushhour" (statt: "Rush-hour"), "Jobsharing" (statt: "Job-sharing"), "Shortstory" oder "Short Story" (statt: "Short story"). Bei Unübersichtlichkeit kann, wie bei deutschen Wörtern auch, ein Bindestrich gesetzt werden: "Desktoppublishing" oder "Desktop-Publishing", "Betttuch" oder "Bett-Tuch". Hier kommt es, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz genommen hätte, zweifellos zu einer Vereinfachung, und zwar durch die Gleichbehandlung gleichartiger Fälle.

Von Vorteil werden auch Änderungen bei der Silbentrennung sein: Während bisher so getrennt werden musste: "war-um", "In-ter-es-se", "Päd-ago-gik", sind jetzt zusätzlich auch zugelassen: "wa-rum", "In-te-res-se", "Pä-da-go-gik". Und der Merkspruch "Trenne nie das 's' vom 't', denn das tut ihm weh" ist nicht mehr gültig, denn "st" ist nunmehr zu trennen ("ras-ten" statt bisher "ra-sten").

Ob sich allerdings die gravierendste Änderung bei der Kommasetzung Freunde machen wird, scheint unsicher: Bei Infinitiv- und Partizipialgruppen ist die Kommasetzung von Sonderfällen abgesehen nicht länger verpflichtend, sondern ins Belieben des Schreibers gestellt und besonders dann empfohlen, wenn die Gliederung des Ganzsatzes deutlich gemacht bzw. Missverständnisse ausgeschlossen werden sollen: bisher: "Sie ist bereit, zu diesem Unternehmen einen Beitrag zu leisten", in Zukunft entweder wie bisher, aber auch möglich: "Sie ist bereit zu diesem Unternehmen einen Beitrag zu leisten". Hier wird deutlich: Was für den Schreiber eine Erleichterung bedeutet (er braucht die Gliederung des Satzes nicht zu markieren), kann auf Seiten des Lesers zu einer Erschwernis führen (er liest den angeführten Satz zunächst falsch und muss neu ansetzen).

Alles in allem: Überprüft man das gesamte Regelwerk auf die in ihm enthaltenen Neuerungen, bestätigt sich das Urteil einer "kleinen Reform der Vernunft", einer "aktualisierenden Pflege der Rechtschreibung", die, wie es der langjährige Dudenchef, Professor Drosdowski, ausdrückt, "eine Reihe von Vereinfachungen und Verbesserungen vornimmt, ohne das vertraute Schriftbild wesentlich zu verändern. Die Neuregelung nimmt Rücksicht darauf, daß viele Menschen in den überkommenen Schriftbildern die Sprache selbst bewahrt sehen und bei stärkeren Eingriffen befürchten, daß es zu einem Bruch in der Schreibtradition kommt und die Sprache Schaden nimmt" ("Informationen zur neuen deutschen Rechtschreibung", 2. Aufl. 1996, S. 4/5).

Für Schülerinnen und Schüler (Schreibungen wie "SchülerInnen" oder "Schüler/innen" sind nach wie vor nicht zugelassen) bleibt es aber eine schwierige Aufgabe sich im Laufe der Schulzeit die normgerechte Schreibung anzueignen - das war vor der Reform genauso wie nach ihr. Dass sie in manchen Punkten leichter zu erledigen sein wird, steht aber außer Frage.

Anm. der Redaktion: Nach Erscheinen des Reformdudens wird die Neuregelung mit den wichtigsten Änderungen in einer Sonderbeilage zur OV zusammenfassend dargestellt.